DSC_5710

Heile, Welt! – Zu Besuch bei den Esoterik-Tagen

02. November 2014 / von / 0 Kommentare

Neuer Tag, altes Problem: „Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen“, fasste es der Dramatiker Werner Schwab einmal zusammen. Rückblick: Im Anfang war die Anmaßung. Ja, denen ging es wohl einfach zu gut, hatten alles und kriegten den Rachen doch nicht voll; Wohlstandsverwahrlosung quasi. Also auf zum Baum der Erkenntnis, der ersten aller No-go-Areas.

Am Schluss wollte wieder keiner schuld sein: Adam sagt: Eva war’s, Eva spielt den Ball weiter an diese Sau von Schlange. Gott verliert die Geduld und verweist Adam und Eva des Paradieses. Da tun sich für die beiden plötzlich ungeahnte Möglichkeiten auf, zuvorderst: der Tod – seit dem „Sündenfall“ unausweichliches Schicksal aller. Weitere Innovationen: Frauen müssen „mit Schmerzen Kinder gebären“ (1. Mose 3:16), Männer werden zum Arbeitsdienst verdonnert: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist.“ (1. Mose 3:19). Arbeiten, Kinder kriegen, sterben – das soll’s gewesen sein?

Oben ohne geht gar nicht

Vergangenes Wochenende, von 31.10. bis 2.11., fanden in der Wiener Stadthalle die Esoterik-Tage statt. Trommelklänge schon in der Vorhalle, der Geruch von Räuchermischungen hängt schwer in der Luft. Über siebzig AusstellerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, über achtzig Vorträge: eine drei Tage währende, geballte Ladung Sinn, Übersinn und Sinnlichkeit. Naturmedizin aus Fernost, Engelsanhänger, Teemischungen, Sexratgeber werden feilgeboten, KartenlegerInnen, WahrsagerInnen („eine konkrete Frage: 10 Euro“), MasseurInnen und Medien (Personen, die von sich behaupten, Kontakt zu übernatürlichen Wesen bzw. zum Jenseits zu haben, Anm.) bieten ihre Dienste an. Der Besucherandrang ist groß, vor allem nachmittags muss man sich konzentriert durch die Massen manövrieren – zu über drei Vierteln bestehen diese aus Frauen jeden Alters, auch ganze Familien sind unterwegs.

Über siebzig AusstellerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, über achtzig Vorträge: eine drei Tage währende, geballte Ladung Sinn, Übersinn und Sinnlichkeit.

Der Begriff Esoterik leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „innerlich“ oder auch „dem inneren Bereich zugehörig“. Ideengeschichtlich geht er auf die Antike zurück, wo er bestimmte philosophische Lehren bezeichnete, die einem exklusiven – „inneren“ – Personenkreis vorbehalten waren. Der Begriff kann jedoch auch auf die individuelle „Innerlichkeit“ eines Menschen verweisen, verbunden mit spiritueller Erkenntnis einer „höheren Wahrheit“. Von dieser Warte aus gesehen also ein Naheverwandter der Religion, auch wenn die beiden einander skeptisch bis argwöhnisch betrachten. Das Motto der meisten MesseteilnehmerInnen fasst Hildegard Matheika, ihres Zeichens „Medium“, am Ende einer ihrer Vorträge zusammen: „Ohne Oben geht es nicht.“

Du Opfer!

Wann hat das eigentlich begonnen, dieses Herumirren im Nebel, das Leiden an sich selbst und seiner Umgebung? Eine Frage, die sich viele Menschen stellen. Liebesentzug oder Ohnmachtserfahrungen in früher Kindheit? Ursula Christin Lechner geht das nicht weit genug. Sie bietet sogenannte Rückführungen in frühere Leben an. Genau dort nämlich soll der vom Hier und Jetzt gequälte Hund begraben sein. Durch „Aufdecken der Gründe und Zusammenhänge des Leidens, der Krankheit und der Probleme“ könne „meist völlige Heilung von grundsätzlich Allem (sic!) erlangt werden“, verspricht, nicht gerade bescheiden, Lechner auf ihrer Homepage.

 

Die Mittvierzigerin mit den schwarzgelockten Haaren, steht, in legerer Aufmachung, an Tag zwei der Messe in dem im Keller gelegenen, fensterlosen Vortragsraum. Rechts von sich hat sie ihr „Seelenbild“ – orange Sonne über dunkelgelber Landschaft, zwei Engel, die auf den mittig gelegenen „Weg ins Göttliche“ weisen – aufgebaut, von der linken Seitenwand lächelt Schlagerstar Helene Fischer von einem Plakat herab. Etwas mehr als dreißig BesucherInnen sind gekommen, man ist per Du. Ihre Ausbildung zur „Rückführungsleiterin“ hat Lechner in Goa absolviert, „ziemlich heftig“ seien die „Energien“ dort, „ganz anders als in Europa.“

„Was, wenn jemand Hitler war?“ Lechner: auch der Täter „stellt sich bloß zur Verfügung, er übernimmt eine Rolle“ im großen Spiel des Universums.

Dem Glauben an Heilung durch Rückführung liegt die Überzeugung einer Täter-Opfer-Dichotomie zugrunde. Soll heißen: Schuldgefühle, übermäßige Aggressionen Minderwertigkeitskomplexe oder gar Krankheiten ergeben sich daraus, dass man es früher – also ganz früher – einmal so richtig verbockt hat, zum „Täter“ geworden ist. Berechtigter Einwurf aus dem Publikum: „Was, wenn jemand Hitler war?“ Lechner: auch der Täter „stellt sich bloß zur Verfügung, er übernimmt eine Rolle“ im großen Spiel des Universums. Wichtig sei vor allem eines: „Vergebung.“ Irgendwann höre dieses Hin und Her von Geburt und Wiedergeburt auch mal auf, ein versöhnlicher „Ausgleich“ zwischen den beiden Rollen werde erzielt, die Erde überflüssig („Darauf freu‘ ich mich!“), und schließlich, endlich: Liebe überall.

Eingeraucht

Wieder in der Messehalle. Das Angebot weist in vielen Fällen eine ähnliche Schlagrichtung auf: irgendetwas soll entweder aufgelöst, geheilt, gereinigt, verbessert oder bewusst gemacht werden. Räuchermischungen wird eine gemütsaufhellende Wirkung zugeschrieben, andere lassen einen „mit Klarheit die Göttliche (sic!) Ordnung erkennen.“ Ein Anbieter ägyptischen Schwarzkümmelöls (100ml für 19,90 Euro) halluziniert in grenzpsychotischer Hybris davon, dass sein Produkt ein „universelles Heilmittel“ sei: „Diabetes, Krebs oder Rheuma haben ihren Schrecken verloren.“ MasseurInnen lösen Spannungen aller Art. Hellfarbene „Energiebilder“ sollen ebenfalls das Wohlbefinden steigern oder, so die Standbetreuerin, „die Chakren (menschliche Energiezentren, Anm.) ordentlich durchreinigen.“

Eines ist besonders auffällig: Will man die heilende Wirkung eines Produktes oder einer Therapie erfahren, bedarf es laut vielen TeilnehmerInnen zuallererst einer inneren Bereitschaft, um sich darauf überhaupt einlassen zu können. Diese aber müsse aus dem „Herzen“ oder der „Seele“ kommen und, wichtig, niemals aus dem „Kopf“. Letzterer sei in vielen Fällen nämlich ein feindlicher Aggressor, der, Zweifel wie Minen säend, potentielle Verbindungswege ins Höhere oder Tiefere sabotiert. Einerseits.

Auf Polaroid-Bildern sieht man schemenhaft Menschen, die aus Farbnebeln hervorblicken – angeblich deren Aura.

In Gesprächen und in Broschüren wird aber vehement auf „Wissenschaftlichkeit“ verwiesen. „Intelligenter Schmuck“ beispielsweise, der Glück, Erfolg oder Liebe anziehen soll, ist laut einer Broschüre „inspiriert von den Erkenntnissen der modernen Quantenphysik.“ An einem anderen Stand wird „Aurafotografie“ mit anschließender Beratung angeboten. Auf Polaroid-Bildern sieht man schemenhaft Menschen, die aus Farbnebeln hervorblicken – angeblich deren Aura (Ausstrahlung oder „Energiekörper“), aus der sich Charaktereigenschaften und Gemütszustände ablesen lassen sollen. Hierzu legt man seine Hände – weil angeblich die Endpunkte bestimmter Energiebahnen – auf eine metallene „Bioresonanz-Sensorplatte“, wird fotografiert – und schon ist man farbenprächtig eingeraucht. Widerstände würden gemessen, Frequenzen ausgesendet – sounds like science! Bewiesen konnte die Existenz einer Aura bis heute nicht werden. Bleibt die Frage, wieso man hier so oft um rationale Nachvollziehbarkeit bemüht ist, wo es doch eigentlich um meta-rationale Erfahrungen gehen soll.

Trifft Jesus auf Buddha, sagt Jesus:…

Zwar hat die katholische Kirche in Österreich über fünf Millionen Mitglieder, aber schon seit Jahren verzeichnet sie massenhafte Austritte, 2013 kehrten ihr knapp 55.000 Personen den Rücken (gegenüber etwa 4800 Neu- oder Wiedereintritten). Tradierte Religiosität, die Bindung an Institutionen, verliert zunehmend an Relevanz, was nicht bedeutet, dass Religion als solche oder der Glaube an Höheres im Schwinden begriffen ist. Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 glauben immerhin 53 Prozent der ÖsterreicherInnen an (einen) Gott. Bei der letzten, von der Arbeiterkammer Wien in Auftrag gegebene, Jugendwertestudie aus dem Jahr 2011, stimmten 35 Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren der Aussage „es gibt irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht“ zu. Gleichermaßen beliebt: Patchwork-Religionen, also das Zusammenstellen eines individuellen Menüs mit Zutaten aus allen Weltreligionen: Laut dem 2013 erschienen Religionsmonitor für Deutschland, greifen über 22 Prozent auf „Lehren verschiedener religiöser Traditionen zurück.“

Eine gute Portion Jesus, begleitet von einem Hauch Buddha, das Ganze abgerundet von jüdischer Zahlenmystik.

Auch auf der Messe wird gerne ein wilder Glauben zelebriert: eine gute Portion Jesus, begleitet von einem Hauch Buddha, das Ganze abgerundet von jüdischer Zahlenmystik. Dogmen, Katechismen und standardisierte Rituale widersprechen scheinbar für viele einer erstrebenswerten, individuell und ungebunden gelebten Spiritualität. Zusätzlich reizvoll: das Zeug fährt schnell ein. Hellsehen kann in einer Woche erlernt werden (1.800 Euro, exklusive Unterkunft und Verpflegung), eine Stunde Rückführung pro zehn Lebensjahre und Traumata lösen sich auf. Esoterik – Religion für Faule, Psychotherapie für Eilige?

Fragt man MessebesucherInnen nach ihrer Meinung zur oder Interessen bei der Messe, bekommt man als erstes oft den Schwurbel-Imperativ der Toleranz zu hören: „Man muss für alles offen sein!“. Eh. Eine Besucherin, Anfang vierzig, begleitet von ihrer jugendlichen Tochter, hat einen eher pragmatischen Zugang: Engelsanhänger, denen eine beschützende Funktion zugeschrieben wird, seien „ein nettes Geschenk, eine schöne Geste. Hilft es nicht, schadet es nicht.“ Für eine andere sind zwischenmenschliche Beziehungen stark von „kosmischen Energien“ beeinflusst, Wellen und Schwingungen, die einander verbinden. Ersichtlich werde das zum Beispiel, wenn jemand im Gespräch einen Satz beginnt und das Gegenüber ihn beendet. Wieder andere interessieren sich für Kartenlegen – „man sollte sich aber nicht immer danach richten.“

Wirklich letzte Worte

Sonntag. Einer der letzten Vorträge wird von dem „Medium“ Hildegard Matheika gehalten, der Titel verspricht „Kontakt zum Jenseits“, also mit Verstorbenen. In der ersten halben Stunde erzählt sie von ihrer harten Kindheit, prügelnden Ehemännern, ihrer Krebserkrankung. Nach einer Operation fiel sie für über zwei Wochen ins Koma, hatte eine Nahtoderfahrung, sah ihre verstorbene Großmutter. Danach krempelte sie ihr Leben um, verließ ihren Mann, wandte sich nach langer Abstinenz wieder ihrem spirituellen Weg zu. Darauf folgt ein Leistungsbericht: mittels Rückführungen habe sie schon Traumata aufgelöst, mit Hilfe diverser Geistwesen oder durch Händeauflegen Diabetes oder Epilepsie geheilt.

Ihr verstorbener Vater würde ihr auch heute noch begegnen, als weißer Schmetterling beispielsweise.

Vor dem Hauptact kommt noch etwas Stimmungsmucke: ein Synthesizer-Panflöten-Schlager im 4/4-Takt – „Dann kam ein Engel“ – erzählt die Geschichte einer Tochter, die ihrer verstorbenen Mutter wieder begegnet. Schluchzen und Schniefen ringsum. Nach Ende des Liedes hält Matheika kurz inne, erzählt von ihrem verstorbenen Vater, der ihr in verschiedener Form auch heute noch begegne, als weißer Schmetterling beispielsweise. Sie werde nun Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen, verkündet sie, bittet um „möglichst konkrete“ Fragen und schließt die Augen. Die Fragen werden von den BesucherInnen nicht bloß gestellt, sie brechen unter Tränen aus ihnen heraus, aufgewühlt, mit zittriger, oft mitten im Satz brechender Stimme.

Die meisten von ihnen sind gar nicht an Details interessiert, wonach sie dürsten, sind „Botschaften“. Und Matheika liefert, pro Person circa eine halbe Minute: ein Vater entschuldigt sich für die „ungerechte Behandlung“ seiner Tochter, als sie vierzehn war. Eine Großmutter bedankt sich für die „schöne Zeit“, die sie mit ihrer Enkelin verbringen durfte. Eine Mutter ist „stolz“. War es Selbstmord? – „Ja, er hatte Angst vor Krankheit und Hilflosigkeit.“ Ist sie noch böse? – „Nein. Seele ist Liebe pur.“ Nachdem Matheika die Augen wieder aufschlägt, atmet sie tief durch und bittet um einen Moment; sie wirkt, als müsse sie sich erst wieder ins Diesseits einrenken.

Draußen ist es mittlerweile schon dunkel und nebelverhangen. Massen von Jugendlichen warten vor der Halle D, in welcher Lady Gaga heute noch auftreten wird. Vielleicht wird sie auch ihren Song „Aura“ anstimmen. Das gibt ein Gekreische.

Fotos: © Igor Ripak


Kommentieren


6 + = 8