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Flohmärkte: „Grüß Gott“ und Nazi-Schrott

05. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

Wir haben fünf Flohmärkte zwischen Feßtgasse und Favoriten unter die Lupe genommen.

Die rote Weste leuchtet wie eine Signalrakete über nächtlicher See. Frau Wilma sitzt auf der Kommandobrücke, das ist ein Kinderschreibtisch mit einem kleinen Sessel. Marke Volksschul-Klassenzimmer, eine der wenigen Sitzgelegenheiten hier. Im Umkreis türmen sich Wogen von Gewand und Kleinkram auf. Die raue See, es ist der Hallenflohmarkt in Ottakring, keine fünf Minuten von der Brauerei entfernt.

„I kann ohne mein‘ Flohmarkt ned leben“, sagt Frau Wilma und nimmt einen tiefen Zug von ihrer Tschick. „Des is‘ einfach mein Hobby, ich lebe für‘n Flohmarkt.“ Ein anderer Mann hätte sich schon scheiden lassen, sagt die gelernte Verkäuferin. Frau Wilma – Frühpension, wegen der Wirbelsäule – brennt für ihren Markt. Sie steuert das Schiff zwischen Bachgasse, Feßtgasse und Ottakringer Straße durch das fünfte Jahr. Erst sie hat es zu einem Spendenflohmarkt gemacht, extra einen Verein dafür gegründet. Was nicht für Miete und Betriebskosten draufgeht, wird an das Sankt Anna-Kinderspital übergeben. Frau Wilma liefert alle vier, fünf Monate, dann laufen die Spendendosen über. „Das war im November, ich glaub‘ vor zwei Jahren“, als sie mit gut 300 Euro kam, dann sei sie „hergegangen, hab von meiner Handtaschn 200 Euro raufgegeben, privat von mir natürlich, dass das aufgerundet ist.“ Sie hat selber nicht viel; Frau Wilma und ihr Mann, kommen zusammen auf 1200 Euro im Monat. Aber so etwas bringe Glück, sagt sie. Die junge, dreifache Großmutter hält viel von der Krebsforschung, schließlich könne es jeden treffen, „Gott behüte!“.

Hallenflohmarkt Ottakring Wo: 2, 9, 44 Johann-Nepomuk-Berger-Platz; Wann: ganzjährig Fr., Sa., So., 10-18 (Sommer: 10-19); Was: v.a. Druckwerke, Geschirr, Gewand; Atmosphäre: rostiger Ozeandampfer voller bunter Vögel; Preise/feilschen: fair/eher weniger

Liturgie, Lenin, Lust 

Gott – vertreten durch seine evangelischen und katholischen Anhänger – veranstaltet übrigens das Gros der gemeinnützigen Flohmärkte in Wien. Man findet sie in jedem Bezirk. Der FLOHmarkt der Pfarre Maria Namen nahe dem Lerchenfelder Gürtel ist dennoch etwas Besonderes. Da er nur einmal im Semester veranstaltet wird, ist er sehr gut sortiert. Die vielen Bummler – darunter eine Muslima mit Kopftuch – finden schnell, wonach sie suchen. „Wir sind bemüht, das ganze nach Themen zu ordnen. Es ist zwar viel Arbeit, aber es verkauft sich wesentlich besser. Wenn Sie‘s in einer Kiste ham – man findet ja kaum was“, erklärt Eva Schöfer, eine der hauptverantwortlichen Gemeindemitglieder. Im Herbst wird erstmals ein ausschließlicher Bücher- und Schallplattenflohmarkt veranstaltet. Der Grund: eine Bibliothekarin ist verstorben und hat der Pfarre ihre Sammlung vermacht. 1800 Bücher und eine „Menge gepflegter Schallplatten“, sagt Schöfer. Bleibt die Frage, was sich im Nachlass befindet; die bereits vorhandene Ware ist jedenfalls vielfältig.

Auf einer LP der 70er-Jahre lächelt etwa eine laszive, nackte Blondine auf dem Cover. Ein gottesfürchtiger Linker hat hier auch seine Spuren hinterlassen: Werke von und über Bruno Kreisky stehen da in einem gesonderten Regal. Daneben hat sogar der ewige Atheist Lenin Kirchenasyl erhalten. Es sei zwar viel Arbeit, alles herzurichten, wie Frau Margit beipflichtet: „Wir brauchen drei Wochen, wir arbeiten bis zu 120 Stunden. Und nachher wieder ein paar Tage.“ Frau Schöfer ist der Aufwand nur recht: „Wir stehen alle da in Gottes Lohn und machen das freiwillig. Aber ich muss sagen, wir haben a einen Spaß dabei. Wir haben ein bissl eine soziale Funktion auch. Vor allem bei der religiösen Abteilung, da san sie ein halberter Psychotherapeut bald“, sagt sie und lacht dabei.

FLOHmarkt in Maria Namen Wo: U6 Thaliastraße, 48A Koppstraße (Hippgasse 31) Wann: 2x jährlich an drei aufeinanderfolgenden Tagen (nächster: 7.-9.11.); Was: Heimtextilien, sehr gut sortierte Bücher & LPs, Spielzeug; Atmosphäre: fröhlicher Ameisenstaat; Preise/feilschen: fix, aber niedrig/verpönt

Genosse Verkäufer

Unweit des neuen Hauptbahnhofs liegt der Rotpunkt, Parteilokal der KPÖ Margareten. Im Schaufenster prangt ein aktuelles Wahlbanner. Die Scheibe ist so verstaubt, dass es auch von der allerersten EU-Wahl 1979 stammen könnte. Drinnen ist es viel zu eng, eine Theke nimmt den Großteil des Vorzimmers ein, vollgepackt mit Lego-Piraten, Flaschenöffnern, stumpfen Klingen. Im zweiten, helleren Raum: die obligatorischen Unmengen an Geschirr und Büchern, darunter eine Ausgabe des Kapitals von 1933. In einer Kiste geschätzt hundert Ausgaben des nicht mehr ganz aktuellen Magazins „Sowjetunion heute“. Daneben: zahlreiche antiquarische Postkarten und kiloweise Briefmarken aus aller Welt. Wer kauft eigentlich fremde, alte Postkarten? Es stinkt ein bisserl im Lokal. Als ob ein nasser Hund einen fahren lässt. Im Vorzimmer kommt Genosse Verkäufer einem Migranten entgegen – die Kundschaft ist nicht deutschsprachig. „Was geben sie für das Sakko? Vier Euro? Drei Euro?“, fragt Genosse Verkäufer. „Draj, draj.“, lautet die Antwort.

Rotpunkt-Flohmarkt Wo: 14A Scalagasse; Wann: unregelmäßig Fr., Sa., 10-17:30; Was: Briefmarken, Bücher, Gewand; Atmosphäre: Messie-Keller; Preise/feilschen: entgegenkommend

Der Flohmarkt der Pfarre Maria Namen ist erstaunlich gut sortiert.

Feilschen ist hier verpönt, die Preise sind dafür niedrig. 

Ob Kirche oder Kommunisten: in Wien werden Flohmärkte von allen veranstaltet. 

Zu kaufen gibt es auch (fast) alles.

 
 

Americans and Accordions

Kein Geheimtipp ist sicherlich der Flohmarkt am Naschmarkt. Er ist angeblich der größte Österreichs. Das ist wohl der Grund, weshalb sich hier so viele Touristen tummeln, besonders US-Amerikaner. Ihnen und anderen bieten rund 220 fixe Händler und je 240 Tagesaussteller ihre Waren feil. Das Angebot reicht vom Holzbesteck über absurd große Messer, Handbohrer, alte Elektrogeräte (Autoradios, die geklaut aussehen, VHS-Player, die sicher nicht mehr funktionieren, verbeulte Kaffeemaschinen) und Porzellanfiguren bis zu Schuhen um ein Euro das Paar. Solche Schnäppchen werden vor allem von serbischen Roma verkauft. Die meisten sitzen am Boden inmitten ihrer Ware. Ein eingeborener Alt-Antiquar verlangt vom Campingsessel aus 150 Euro für eine Aquarell-Sammlung Adolf Hitlers. „Ein echtes Schnäppchen!“, wie er sagt. Dazu unzählige Instrumente, vor allem Akkordeons, Klarinetten und Gitarren.

Flohmarkt am Naschmarkt Wo: U4 Kettenbrückengasse; Wann: jeden Sa. außer 25.12., 6:30-18 (24.12.&31.12. 6:30-12); Was: alles außer ABC-Waffen, Fahrzeuge, Menschen und Tiere; Atmosphäre: orientalischer Basar; Preise/feilschen: fair bis unverschämt/möglich

No Nazis

Im tiefsten Favoriten kann man zumindest offiziell keinen Nazikram erstehen. Die Hausordnung des „Riesenflohmarkts“ Wienerberg untersagt dies deutlich. Waffen kriegt man hier auch nicht im Gegensatz zum Naschmarkt. Man gibt sich ausdrücklich familienfreundlich. Auf dem Parkplatz eines Merkur-Markts sorgt ein Würstelstand für die Versorgung von Kunden und Anbietern. Viele verkaufen ihre gewohnte Ausschussware direkt aus dem Kofferraum heraus. Auch hier stehen Wühltische neben sorgsam geordneten Standplätzen, das Publikum ist ähnlich durchmischt wie am Naschmarkt – mit dem Unterschied, dass sich hier eher selten ein US-Tourist verläuft. Insofern kann man hier die Grundlagen des Flohmarkt-Besuchs – bummeln, feilschen, plaudern – gut erlernen. Mit diesem Wissen gerüstet, lässt sich jeder Bücherdschungel durchschreiten, jedes Gewändermeer umpflügen. In jedem Fall ist man dann für exotischere Flohmärkte gut gewappnet.

Riesenflohmarkt Wienerberg Wo: 7A, 15A, 63A Gesundheitszentrum Süd/Enkplatz; Wann: ganzjährig So., April-Oktober auch Feiertag, 8-13 Was: kein Nazi-Schrott; Atmosphäre: typischer Parkplatz-Flohmarkt; Preise/feilschen: erschwinglich/möglich

Fotos: Igor Ripak


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