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Großstadtmädchen beim ESC 2015

10. Juni 2015 / von / 0 Kommentare

Großstadtmädchen – Wie der Name schon sagt, atme ich die Großstadt ein und nehme alles auf, was eine Stadt am Puls der Zeit zu bieten hat. Letztes Mal habe ich euch erzählt, wie gerne ich zuhause bleibe, mir einen Film nach dem anderen reinziehe und endlos viel Popcorn in mich hineinstopfe, statt mich aufzubrezeln und mit Freunden die Stadt unsicher zu machen. Doch dieses Mal gewähre ich euch einen kleinen Einblick in die Glitzerseite meines Lebens. Ich war beim ESC 2015 live vor Ort und berichte nun über all meine Erlebnisse und was der ESC für Wien bedeutet.

Als Feinschmeckerin wandere ich gerne von Restaurant zu Restaurant und esse mich quer durch die Speisekarte. Bis auf Erdnüsse! Das könnte tödlich enden. Weil auch meinen Freunden bei Queer Alps meine Liebe zu Essen bekannt war, haben sie mich gefragt, ob ich gerne Texte über Restaurants schreiben und  übersetzen würde. Gesagt, getan. Die Arbeit macht Spaß und dient auch gleichzeitig einem guten Zweck, denn das Debüt-Projekt Lokal/Augenschein soll einen Überblick über die LGBTQ-friendly Gastronomie in Österreich verschaffen.

Der ESC 2015

Passend zur LGBTQ-Szene durfte ich also als Dankeschön zum Eurovision Songcontest gehen und vor Ort alles haargenau unter die Lupe nehmen. Ich habe mich gefühlt wie ein Kind im Süßwarenladen. Eine Woche lang habe ich mir lustige Proben angeschaut, im Pressebereich neue Bekanntschaften geschlossen und Italienern in der Kantine beim Fluchen zugehört, weil es Schnitzel gab statt Pasta. Vor dem Eingang zur Stadthalle ging es fast so zu wie zu WM-Zeiten, wenn alle ganz stolz die Flaggen ihres Herkunftslandes auf dem Rücken spazieren führen.

Doch mein Highlight war eindeutig die Britische Lady, die von Kopf bis Fuß in Glitzer, Perlen und Tüll in den Farben Blau, Weiß und Rot gehüllt war. All diese Momente waren etwas Besonderes. Noch nie zuvor durfte ich bei einem so großen Event dabei sein und darüber berichten. Als angehende Journalistin genieße ich es mich mit diesen Menschen zu umgeben, sie in ihrem natürlichen Habitat zu sehen, ihre Luft zu schnuppern und ihnen über die Schulter zu schauen, auch wenn ich ihnen damit etwas Angst eingejagt habe. Wann bekomme ich aber nochmal die Chance Fernseh- & Radiosender, Bloggern und Journalisten aus 33 Ländern zusammengepfercht in einer großen Halle beim Werkeln zuzuschauen? Der Pressebereich selbst war ein Erlebnis an sich; Interviewkabinen umsäumten links und rechts den gesamten Raum, jedes bisschen freie Wand war mit riesigen Bildschirmen bedeckt und in der Mitte waren fünf endlos lange Tischreihen aufgestellt, auf denen sich Laptops, Kameras und sonstige technische Equipments türmten. Stühle zum Sitzen? Genauso rar wie Wasser in der Wüste. Ich saß meistens in der Kantine oder auf dem Boden und klimperte eifrig auf meinem Laptop herum, um ja nichts Wichtiges zu vergessen.

Rapapap Rapapap

Ich habe mir in der Woche so ziemlich alle Shows angeschaut, doch auf das Finale und die lustigen Momente, die alle nur am Ende passieren, habe ich mich am meisten gefreut. Da mein Heimatland, Portugal, im zweiten Halbfinale rausgeflogen ist und ehrlich gesagt zu Recht, denn das Lied hat einfach nicht viel hergegeben, hatte ich keinen Favoriten. Der junge Belgier hat mir mit seinem „rapapap“ einen schrecklichen Ohrwurm verpasst, das Kostüm der georgischen Sängerin sah mehr aus wie aus dem Film „Black Swan“ und Armenien hatte ein Bühnenbild, das dem weißen Baum von Gondor aus Herr der Ringe zum Verwechseln ähnlich sah. Über die Performance von Deutschland und Österreich brauche ich wirklich nichts erzählen. Null Punkte? Ernsthaft? Doch dass Schweden den Titel nach Hause holen und Ikea somit schon Kopfschmerzen verursachen würde, da sie sich jetzt schon Gedanken machen müssen, wie viele Schrauben sie für die Bühne brauchen werden – danke Andi Knoll für diesen herrlichen Kommentar – war abzusehen. Das Lied ist der absolute Sommerhit und ohrwurmverdächtig. Schade ist nur, dass er sich fast genauso anhört wie ein anderer ziemlich bekannter Song…

Eine buntere Welt dank Conchita

Der Eurovison Song Contest wurde 1956 ins Leben gerufen, um die Nationen der Europäischen Rundfunkunion mittels eines Song-Wettbewerbs näher zu bringen und um neue Kulturen kennenzulernen. Doch mittlerweile repräsentiert er weitaus mehr als das. Seit 1961, als Dana International, die erste transsexuelle Teilnehmerin, für Israel den Sieg nach Hause holte, wird der ESC weltweit von der LGBTQ-Szene gefeiert. Conchita Wurst hat letztes Jahr mit „Rise like a Phoenix“ ein weiteres Zeichen gesetzt und die Menschen zum Wahr- und Annehmen angeregt.

Gleichgeschlechtliche Ampelpärchen, “Conchita sagt…” U-bahndurchsagen usw. – Wien erstrahlte den ganzen Mai in neuem Regenbogenglanz. Doch was genau bedeutet der ESC 2015 für Wien und die gesamte LGBTQ-Szene? Mit Conchita wurde ein Zeichen für mehr Akzeptanz von Andersartigkeit gesetzt. Hierfür wird es auch langsam Zeit. Die Welt rückt zwar zusammen, doch die Menschen tun es ihr nicht nach. Nicht jeder hat ein Herz für andere und Ausgrenzung ist heutzutage noch immer ein großes Problem… auch in Österreich. Integration und Akzeptanz sind Schlagwörter, die scheinbar nur schwer umzusetzen sind. Doch obwohl Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung in Österreich höchstwahrscheinlich kein schlechtes Leben haben, steht noch viel Arbeit an. Alleine die Prückel-Geschichte hat dies bestätigt.

Akzeptanz und Menschenfreundlichkeit muss auch funktionieren ohne Conchita und den ESC. Trotzdem hat sie mit ihrem „queeren“ Songcontest in Wien einen großen Schritt in die richtige Richtung gewagt und Österreich dadurch ein bisschen bunter gemacht. Es wäre schön, wenn es so bleibt.

Bis zum nächsten Mal!


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