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Gerhard Hirczi: „Wien ist unique“

10. November 2014 / von / 0 Kommentare

Gerhard Hirczi, Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur, kennt die Gründe, warum Wien bei Start-Ups so beliebt ist und gibt Tipps, wo und wie sie sich GründerInnen Förderungen abholen können.

Interview: Dino Šoše | Fotos: Igor Ripak

Nehmen wir an, dass ich morgen ein Unternehmen gründe. Welche Hilfe kann ich von der Wirtschaftsagentur Wien erwarten?

GERHARD HIRCZI: Wir treten beim Gründungsgeschehen in einer frühen Phase in Erscheinung, sobald Sie eine Idee haben und diese auch auf den Markt bringen wollen. Denn eine Idee alleine ist eine Liebhaberei, aber eine Idee, die man später verwerten kann, ist eine Innovation. Und wir versuchen natürlich Innovationen zu unterstützen und keine Liebhabereien. Da bieten wir Beratungen an. Wir kümmern uns in dieser frühen Phase nicht so sehr um die Projektidee, sondern wir versuchen zu vermitteln, dass das Unternehmertum auch ein eigener Beruf ist. Und auch für diesen Beruf benötigt man besondere Fähigkeiten, Wissen und Know-How. Das vermitteln wir einserseits auf unserer Akademie in Form von Angeboten, die eigentlich für jeden Unternehmer identisch sind – Businessplan schreiben, Arbeitsrecht, Sozialrecht, Sozialversicherung, Marketing. Aber wir bieten natürlich auch intensive Beratungen in Form von Coachings an. Das sind dann One-to-One Situationen, in denen man sehr konkret auf das einzelne Projekt eingeht.

Wenn ich das richtig verstanden habe ist das gesamte Angebot gratis, richtet sich an alle Wienerinnen und Wiener und ist unabhängig davon, ob sie die Firma schon gegründet haben oder nicht?

HIRCZI: Wir versuchen die Menschen auf eine Gründung vorzubereiten. Das ist unser erstes Angebot. Wir bieten das gratis an, weil wir in den vielen Jahren gesehen haben, dass professionelle Coachings zu teuer für viele Gründer sind und so erleichtern wir den Zugang. Die einzige Voraussetzung ist, dass das Unternehmen in Wien gegründet wird.

Und das Ganze bieten Sie in mehreren Sprachen an?

HIRCZI: Unser Service bieten wir aktuell in 15 verschiedenen Sprachen an, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass das ein Erfolgskriterium für die Unternehmen ist. Natürlich wäre der optimale Zustand, dass man Deutsch als Geschäftssprache verwendet, aber es kommen auch immer wieder Gründer zu uns, die erst ganz kurz im Land sind, eine gute Idee haben, aber noch nicht die Sprache beherrschen. Daher ist eine Beratung in der jeweiligen Muttersprache wichtig.

Welche Projekte werden in den meisten Fällen von der Wirtschaftsagentur gefördert?

HIRCZI: Innovative. Allerdings haben wir insgesamt zwölf unterschiedliche Förderrichtlinien und jede Richtlinie hat einen eigenen Fokus. Wir haben etwa eine Sachgüterförderung, diese Förderung richtet sich an Gewerbe- und Produktionsbetriebe. In dem Fall kommt man mit einem klassischen Produktionsthema zu uns und bekommt nach einer positiven Jury-Begutachtung eine Förderung. Und das sind alles ausschließlich Förderungen der Stadt Wien. Wir werben als Wirtschaftsagentur auch EU-Geld ein, und zwar für spezielle Projekte, wie z.B. im Bereich der Gründungen für „Mingo“, das ein von der EU kofinanziertes Projekt ist.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Wirtschaftskammer und der Wirtschaftsagentur Wien? Mache sagen, dass die Witschaftkammer eher „schwarz“ und die Wirtschaftsagentur eher „rot“ ist.

HIRCZI: Wir haben in bestimmten Bereichen idente Zielsetzungen. Eine Zielsetzung ist: Unternehmen und Unternehmer am Standort zu unterstützen. Der Unterschied zwischen beiden Organisationen ist, dass die Wirtschaftskammer eine Interessensvertretung ist. Die Interessenvertretung der Wiener Unternehmer – wie auch jedes einzelnen Unternehmers. Wir, die Wirtschaftsagentur Wien, sind die Interessensvertretung für den Wirtschaftsstandort. Unsere Verantwortlichkeit ist breit aufgestellt, denn wir sind die Standortagentur und wir versuchen die Interessen des Unternehmens und die des Wirtschaftsstandorts in Deckung zu bringen – und das passt auch in 95 Prozent der Fälle. Daher ist es klug, dass es die unterschiedlichen Aufgabenbereiche gibt.

Und die Wirtschaftskammer Wien fördert nicht?

HIRCZI: Die Wirtschaftskammer Wien fördert nicht. Es gibt aber auch noch eine Reihe von anderen Unterschieden. Wir sind ja auch die regionale Ansiedlungsagentur. Die Wirtschaftskammer ist mit der Ansiedlung nicht befasst. Das passt ja auch gut zum Thema ihres Magazins:  International City. Wien ist in den letzen 20-30 Jahren eine internationale und innovative Stadt – eine Metropole -  geworden.

Für welche Unternehmen ist Wien derzeit besonders attraktiv und was hat es vor allem für Start-ups zu bieten?

HIRCZI: Wir sehen, dass sich Wien in den letzten Jahren einen guten Ruf als Innovationsstandort erarbeitet hat. Die Anzahl der forschenden Unternehmen hat sich in den letzten 15 Jahren verdreifacht. Also von 250 auf 750 Unternehmen, die in Wien forschen, mit 40.000 Forscherinnen und Forschern. Wien hat heute 180 000 Studierende und ist der größte Universitätsstandort des deutschsprachigen Raums. Größer als Berlin, größer als München, größer als jede deutsche Stadt.

Was macht Wien für GründerInnen interessant?

HIRCZI: Einerseits ein sehr, sehr gutes Angebot an Beratungen. Es gibt viele Organisationen, die beraten und es gibt viele Organisationen, die fördern. Das macht Wien wirklich fast unique. 60 Prozent aller Start-ups in Wien haben eine öffentliche Förderung. Die Start-up Definition ist enger und sie ist auch inhaltlich anders. Also nicht die Schusterin oder der Bäcker, sondern Technologie- und Innovationsunternehmen, die gezielt wachsen wollen. Und der zweite Aspekt dieser Gründungsfrage: Wien hat ein sehr junges, innovatives Milieu. Der dritte Aspekt: Wien ist ein guter, moderner, kaufkräftiger und attraktiver Markt. Das ist für Gründer natürlich sehr wichtig, weil es nichts hilft, wenn ich eine gute Idee habe und diese gefördert wird, aber keiner da ist der sich das Produkt leisten kann oder will. Das Package ist sehr gut. Heute reden alle von Berlin, aber ich bin der Meinung, dass Wien da auch sehr große Chancen hat, nicht nur neben, sondern auch statt  Berlin genannt zu werden.

Wie selbstverständlich und etabliert ist Diversität im Wiener Wirtschaftsleben?

HIRCZI: 37 Prozent aller Unternehmen in Wien haben einen migrantischen Hintergrund. Insofern erübrigt sich ja fast die Frage, ob Vielfalt im Wiener Wirtschaftsleben etabliert ist. Die Dynamik ist ungebrochen hoch. Das ist ein nicht wegzudenkender Teil dieses Geschehens. Es sind zum Teil schon schwierige Situationen und es braucht noch viel Hilfe, Unterstützung und Anschub. Ich glaube auch, dass noch sehr viel Potenzial bei zukünftigen migrantischen Unternehmen da ist, was Entrepreneurship betrifft. Wir sehen, dass die migrantischen Unternehmer in der Regel sehr gut ausgebildet sind. Fast 50 Prozent haben Maturaniveau oder sogar einen Uni-Abschluss. Da ist schon sehr viel intellektuelles, innovatives und kreatives Potenzial vorhanden, das man noch stärker für die unternehmerischen Tätigkeiten nutzen könnte. Auch wir leben Diversität in unser täglichen Arbeit. Das Optimum, das ich mir vorstelle ist, dass die Dinge von alleine gehen und von alleine passieren. Und da sind wir auf einem guten Weg.

Zur Person:

Gerhard Hirczi ist seit 2009 Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien. Von 1997 bis 2000 war er Generalsekretär der Siemens AG Österreich, danach war er Konzernpersonalleiter des Siemens Clusters Zentral- und Osteuropa mit über 40.000 Mitarbeiter-Innen.


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