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Geht Wien wirklich baden?

11. September 2015 / von / 0 Kommentare

Wir hätten uns wahrlich einen schöneren Sommer gewünscht. Nicht, was das Wetter betrifft, sondern das Klima. Und zwar das gesellschaftliche.

Kolumne: Gebrüder Moped

Sei es in Wien, im restlichen Österreich, Europa oder dem Rest der Welt. Die Kluft zwischen den spürbar steten Entwicklungen zu Verantwortung tragenden Zivilgesellschaften und einer ansteigenden Zahl an Menschen, die in kulturbefreiter Verrohung gegen alles anschreit, kämpft, terrorisiert und mordet, was nicht in den kleinstkarierten Raster ihrer morgen- oder abendländischen Denkungsart passt, scheint bereits so tief geschlagen zu sein, dass wir uns nach einem Sommer wie damals sehnen: Zweimal pro Sommerferien taucht das Ungeheuer von Loch Ness auf, wird davon ein Mal völlig verwackelt fotografiert, weil es noch keine Selfie-Stange gibt, fromm darauf Schwörende und die Fraktion der Nessie-Atheisten geben sich einem erbitterten Glaubenskrieg auf dem Schlachtfeld der Leserbriefseiten hin und fertig war der mediale Sommer. Der Rest der sonnigen Zeit war routiniertes Raunzen über Benzinpreis und Bademode.

Dabei gab es auch heuer neben den Berichten über entfesselte Entmenschlichung Nachrichten über erfreulich positive Entwicklungen unserer Spezies, die nur leider die Reizschwelle unserer Wahrnehmung nicht packten. So wurde etwa erfolgreich hirngesteuertes Fliegen getestet! Künftig werden also Flugzeuge nicht mehr manuell, sondern per Intelligenz gesteuert. Angesichts der österreichischen PISA-Testergebnisse wird die Luftfahrt bei uns dann zwar ein veritables Personalproblem haben, aber grundsätzlich gefällt uns diese Idee enorm. Und vielleicht können uns ja die Finnen als notorische Testsieger personell aushelfen. Unser eigenes Bildungssystem brauchen wir wegen dieser Lappalie in seiner seit 240 Jahren stabilen Form jedenfalls nicht zu ändern.

Völlig untergegangen ist aber auch ein Projekt, welches Wien dieses Jahr im Mai umgesetzt hat. Das ehemals städtische Arbeiterstrandbad an der Alten Donau, das seit Mitte der 1980er Jahre privat geführt war, wurde nämlich geschleift. 23.000m² hochattraktiver Fläche in öffentlicher Hand harrten einer Neuwidmung. Und was macht die Stadt? Sie belässt Altbaumbestand und Schilfzonen, grünt den Rest als Liegewiese ein und ruft diesen neuen „ArbeiterInnenstrand“ als Erholungs- und Badegebiet zur Gratisnutzung für alle hier Wohnenden aus.
Hier handelt es sich allerdings nur vermeintlich um Good News. Denn, nicht bös‘ sein, Wien, aber so geht Stadtplanung im 3. Jahrtausend nicht. Jeder BWL-Studienabbrecher, den man heutzutage bekanntlich „Bachelor“ nennt, weiß, dass man in solchen Situationen gefälligst „Privatisieren!“ zu rufen hat. Hätte nämlich die Kommune das brache Badegelände an einen Investor verkauft, müsste die Stadt erstens weniger mähen und zweitens könnte damit zum Beispiel ein Teil der fälligen 19 Hypo-Milliarden beglichen werden. Somit müsste jede Wienerin und jeder Wiener nicht mehr 11 Wochen seines Lebens für das Desaster gratis arbeiten, sondern vielleicht nur noch 10,5.

Zumindest aber hätten wir uns ein Projekt als „Private-Public-Partnership“ gewünscht, das auf Risikoteilung setzt: Private übernehmen das Risiko, einen eventuellen finanziellen Gewinn übernehmen zu müssen, die öffentliche Hand haftet dafür im Falle einer Pleite. Eine lupenreine Win-Win-Situation. Denn man erspart sich dadurch eine mühsame Verstaatlichung der Schulden im Nachhinein und kann sich somit gleich auf die wirklich wichtigen Fragen dieses Sommers konzentrieren: Warum hat sich der Benzinpreis seit 40 Jahren verdoppelt, aber der Brotpreis verfünffacht? Und: Darf man unter der Badehose eine Unterhose tragen?


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