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Fotostory: Die „GastarbeitergeberInnen“ Wiens

03. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

Von den Simmeringer Burschen, die ihrer Idee treu geblieben sind, und einer Balletttänzerin, die die Welt verändern will: WIENER VIELFALT besuchte sechs erfolgreiche UnternehmerInnen in Wien und fand Erstaunliches dabei heraus.

Fotos: Michael Mazohl | Story: Jelena Gučanin

Saša Bradić, Architekt der neu renovierten Arbeiterkammer Wien

Die Liste seiner Projekte ist lang. Eines seiner bekanntesten Werke ist aber sicherlich der Umbau und die Erweiterung der Arbeiterkammer Wien. Modern, offen und hell ist das Gebäude. An einer Glaswand steht das Wort „Demokratie“. Der kreative Kopf dahinter ist Saša Bradić von NMPB Architekten. Studiert hat der gebürtige Kroate in Zagreb, sein Arbeitsmittelpunkt liegt heute in Österreich. Sein umfangreiches Wissen gibt der 49-Jährige auch an Studierende weiter, denn seit 1995 hatte er bereits diverse Lehrtätigkeiten, unter anderem an der TU Wien. Vielfalt spielt in seiner Arbeit eine zentrale Rolle: „Meine Arbeitsweise ist geprägt durch ein beständiges Zusammenwirken von Berufspraxis, Forschung und Lehre. Aus der Verschiedenheit der Planungsaufgaben resultiert eine hohe Flexibilität, Effizienz und Kommunikationsfähigkeit unseres Teams bei der Bearbeitung neuer Aufgaben sowie eine große Erfahrung. Die Projekte haben eine starke Beziehung zum Ort und seinem Umfeld, sind aus der Situation und dem Programm entwickelt. Dies garantiert differenzierte Lösungen, Individualität und Unverwechselbarkeit. Bestehendes und Neues ergänzen einander und führen zu einem spannenden Gesamtergebnis.“ 2003 gründete er gemeinsam mit Manfred Nehrer und Herbert Pohl das Büro NMPB Architekten. Das Team ist mehr als erfolgreich unterwegs. Zu ihren Projekten zählen die Seestadt Aspern, das Theoriegebäude der Universität Wien, die Arbeiterkammer Wien, der Schulcampus Monte Laa und die Zahnmedizin im Alten AKH. Und Saša Bradić will noch mehr gestalten: „Als Architekt und Lehrender ist es mir ein Anliegen weitere Beiträge zur Stadt und Stadtentwicklung zu leisten, um mehr Lebensqualität und Vielfalt der städtischen Räume zu schaffen“, sagt er.

Simona Noja, Geschäftsführende Direktorin, Ballettakademie der Wiener Staatsoper

„Gastarbeiter“ ist für Simona Noja ein positives Wort. Denn: „Nur die besten TänzerInnen werden als Gäste in andere Kompanien eingeladen.“ Noja macht aber auch keinen alltäglichen Beruf: Sie ist Geschäftsführende Direktorin der Ballettakademie der Wiener Staatsoper. Die gebürtige Rumänin kam über die USA, wo sie einen Ballett-Wettbewerb gewonnen hat und Düsseldorf, wo sie vier Jahre lang als Solotänzerin engagiert war, nach Österreich. Mit jungen 27 Jahren wurde ihr ein Doppelengagement in der Deutschen Oper Berlin und der Wiener Staatsoper angeboten. „Dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen“, erzählt sie stolz. Sich selbst beschreibt die professionelle Tänzerin als „leistungsorientiert und fröhlich“.  Das muss sie auch sein, denn hinter ihrem Erfolg steckt harte Arbeit. „Gott sei Dank“ spiele Herkunft in ihrer Branche nur eine positive Rolle, deshalb standen ihr alle Türen offen. „Ich bin sehr glücklich über die Chancen, die mir im Leben gegeben worden sind“, sagt sie heute. Vielfalt ist in ihrem Job Normalität: „Derzeit haben wir Lehrer und Pianisten aus 11 Ländern: Australien, Kanada, Deutschland, Japan, Italien, Polen, Slowakei, Rumänien, Russland, Ungarn, USA.“ Ihre langjährige Erfahrung und ihr Wissen will sie heute jüngeren Menschen mitgeben. Sie begründete unter anderem die Jugendkompanie der Ballettakademie der Wiener Staatsoper. Dabei hat sie aber nicht auf ihr Geburtsland Rumänien vergessen. Dort unterstützt sie junge Talente mit einer Stiftung. Simona Noja wünscht sich, dass Ballett einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommt. Denn für sie ist Ballett weit mehr als Kunst um der Kunst willen: „Wir sind KulturbotschafterInnen.“

Sezgin Kilicdagi, Unternehmer, AN-DO Café und Restaurant

Sezgin Kilicdagi machte gemeinsam mit seinen Brüdern Ibrahim und Ergün den Yppenplatz zu dem, was er heute ist: eine kulinarische Oase in Wien, die längst kein Geheimtipp mehr ist. Die Brüder zählen mit ihrem Café und gleichnamigen Fisch-Restaurant AN-DO zu den Pionieren der Lokalszene im Bezirk. Ihr schlichtes Konzept ging auf: Das Café, das 2006 eröffnete, spezialisierte sich auf Frühstück und Salate, das Restaurant auf Fisch. Heute arbeiten bei ihnen 80 Prozent Beschäftigte mit Migrationshintergrund, „aus allen Teilen der Welt“, wie Sezgin Kilicdagi sagt. Internationalität beweist auch ihre Speisekarte: im AN-DO Fischrestaurant, das seit 2009 am Yppenplatz steht, werden die Gäste mit Spezialitäten aus aller Welt verwöhnt. Darunter befinden sich Klassiker wie Calamari vom Grill und Meeresfrüchte Spaghetti. Aber auch exklusive Köstlichkeiten wie wilder Lachs- und Forellenkaviar oder Jakobsmuscheltartar werden im AN-DO aufgetischt.

Ali Mahlodji und Jubin Honarfar, Gründer der Plattform „whatchado“

„Die Simmeringer Burschen, die damals im Käfig Fußball gespielt haben und jetzt die große, weite Welt erobern“ – so beschreibt Ali Mahlodji sich und seinen langjährigen Freund Jubin Honarfar. Die beiden Unternehmer kennen sich seit ihrer Kindheit und sind die Gründer der Internet-Plattform „whatchado“. Jubin, der über sich sagt, er sei „laut, liebevoll, kommunikativ und neugierig“, wurde in Österreich geboren, Ali ist mit seinen Eltern aus dem Iran nach Österreich geflohen. In ihrer Branche ist Internationalität eine gute Voraussetzung. Mit „whatchado“ bringen sie nämlich Menschen zusammen. „Es funktioniert wie eine Dating-Plattform für Jobs“, erklärt Ali Mahlodji. Mit ihrem Unternehmen haben sich beide einen Kindheitstraum erfüllt. Der Einstieg ins Berufsleben war aber nicht immer leicht, erzählt Jubin: „Ich hatte es nicht unbedingt einfacher mit meinem Nachnamen, weil er gleich signalisiert: Das ist kein Müller oder Huber.“ Er ist aber am Ball geblieben und sagt heute: „Im Internet ist es egal, wie du heißt und woher du kommst. Im Internet sind wir alle gleich.“ Die Vielfalt in ihrem Team sei ein Riesenvorteil, sind die beiden überzeugt. 13 Nationalitäten und 11 Sprachen lautet ihr Erfolgsrezept. „Wir müssen bald eine Quote einführen, damit wir genug Österreicher haben“, lacht Jubin. Auch für seinen Kollegen Ali ist klar: „Wir könnten es uns gar nicht leisten, nicht auf Vielfalt zu setzen.“ Und damit scheinen sie zu punkten, denn ihre Zukunftswünsche für das Unternehmen sind alles andere als bescheiden: „Wir wollten am Anfang die ganze Welt zusammenbringen und wir wollten die ganze Welt retten. An der Idee hat sich eigentlich nichts geändert.“

Selma Prodanović, Gründerin und CEO der Brainswork Group

Selma Prodanović, auch „Startup-Grande-Dame“ genannt, ist das, was man heute unter „bestens vernetzt“ versteht. Als „Business Angel“ und Gründerin und CEO der Brainswork Group zählt sie zu den einflussreichsten Unternehmensberaterinnen in Zentral- und Südosteuropa. Die gebürtige Bosnierin ist seit mehr als zwanzig Jahren in den Bereichen New Business Development, Networking, Creative Industries und International Marketing tätig. Internationalität ist bei ihr nicht nur ein Schlagwort – sie lebt sie. Aufgewachsen ist sie in Europa und Afrika, studiert hat sie in Sarajevo, Madrid und Wien. Selma beherrscht fünf Sprachen und lebt seit 1991 in Wien.

Vladlena Taraskina, Geschäftsführerin und Co-Gründerin „Key to Office“

„Weniger reden und mehr machen“ – so lautet das Lebensmotto von Vladlena Taraskina. „Es gibt im Leben nie einen perfekten Moment, um zu studieren, einen Job zu wechseln oder ein eigenes Unternehmen zu gründen“, sagt die Durchstarterin, die bereits in jungen Jahren auf eigenen Beinen stand. Die gebürtige Russin ist mit 16 Jahren alleine nach England gezogen, um dort zu studieren. Nach einem Jahr in Oxford, um Englisch zu lernen, verbrachte sie drei Jahre in Warwick und studierte BWL. Ein Auslandssemester brachte sie nach Wien. Sie verliebte sich in ihren zukünftigen Ehemann – und in die Stadt. 2012 schloss sie ihr Masterstudium an der Diplomatischen Akademie ab. „Österreich ist ein guter Standort, um ein Unternehmen zu gründen, das in Mittel- und Osteuropa operiert“, sagt die Geschäftsführerin und Co-Gründerin von „Key to Office“, einem Online-Marktplatz für Büro- und Meetingräume. „Wir vermitteln Räume an Kunden, die kurzfristig und einfach einen Arbeitsraum brauchen“, erklärt Taraskina. So vielfältig wie ihr eigener Lebenslauf ist auch ihr Team. Die Eltern ihres Geschäftspartners etwa kommen aus Polen. „Für unsere weitere Expansion werden wir noch mehr Leute mit Migrationshintergrund brauchen. Um Geschäfte in einem anderen Land zu machen, sind Sprach- und Mentalitätskenntnisse von enormer Wichtigkeit“, weiß die Geschäftsfrau. Dass es gerade Frauen mit Migrationshintergrund am österreichischen Arbeitsmarkt nicht leicht haben, ist ihr bewusst. Deshalb ist sie ihre eigene Chefin: „Als Unternehmerin kann man dieser Diskriminierung entgehen. Ich habe zwar die volle Verantwortung, aber ich bestimme die Regeln und schaffe mein eigenes Umfeld.“ Ihre Zukunftsvision für das Unternehmen ist ein europaweites Netzwerk von Räumen, das den Anforderungen der modernen Arbeitswelten entspricht und eine neue Infrastruktur schafft. Persönlich wünscht sie sich mehr Nachhaltigkeit im Handeln und Denken der Gesellschaft: „Die Menschen sollten mehr über den langfristigen Einfluss ihrer Entscheidungen nachdenken.“


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