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Ganz kleine Kunst!

09. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

So sehen Vorschusslorbeeren aus: „Zugabe!“, schallt eine Männerstimme aus einer der hinteren Reihen des Kabarett Niedermair in Wien, als Paul Pizzera auf die Bühne tritt – noch bevor er auch nur eine einzige Nummer aus seinem aktuellen Programm „Sex, Drugs & Klei’n’Kunst“ gespielt hat. Der Rufer ahnte wohl schon, was ihn erwartet. Er wird nicht enttäuscht werden.

Story: Konstantin Teske | Foto: Igor Ripak

Der von KritikerInnen gefeierte Jungkabarettist Pizzera startet an diesem milden Jännerabend nicht mit null, und zu behaupten, er würde von Anfang an Vollgas geben, wäre ein verlegener Hilfsaudruck. Der 26-jährige Steirer hat von Anfang ein klares Ziel vor Augen: er will „die Hittn zalegn“. Der hundert Sitzplätze zählende Saal im Wiener Traditionskabarett Niedermair ist – wie jeder seiner hier stattfindenden Auftritte bis Ende Mai – ausverkauft. Schon vor Beginn des Programms ist die Stimmung im Niedermair ausgelassen, ZuschauerInnen unterhalten sich laut, ständig lacht irgendwer. Die Bühne liegt fast vollständig im Dunkeln, nur ein einzelner Scheinwerferspot beleuchtet eine dort aufgestellte dunkelrote E-Gitarre, beinahe wirkt es wie ein Schrein.

Bevor aber auch nur die Möglichkeit stiller Ehrfurcht aufkeimen könnte, kommt Pizzera derart energisch von hinten auf die Bühne, als plane er einen stage-dive. Er reißt die Gitarre an sich, während eine Nebelmaschine das letzte aus sich herausbläst. Mit großer Rockstargeste spielt er simple Riffs und ruft: „Des is jetzt da Teil, wo i mi wegtua! Wieso? Weil ich es kann!“

Wie schnell sie doch groß werden

Eine Woche später in einem nahe dem Niedermair gelegenen Café trifft sich WIENER VIELFALT mit Paul Pizzera zum Interview und begegnet einem gleichzeitig gelassen-ruhigen und  getrieben wirkenden Mann, der hinsichtlich seines Schaffens eine gewisse Scheu davor hat, das Wort Kunst in den Mund zu nehmen. „Wie die Jungfrau zum Kind“, sagt er, sei er vor drei Jahren zum Kabarett gekommen. Ein Kind, das seitdem fast schon erschreckend schnell (vielleicht ein Gendefekt?) in die Höhe geschossen ist.

2011 präsentierte er sein Debütprogramm mit dem Titel „Zu wahr, um schön zu sein“, mit seinem zweiten und aktuellen Programm „Sex, Drugs & Klei’n’Kunst“ trat er 2014 über 180 mal auf den unterschiedlichsten Bühnen auf. Nach eigenen Angaben fährt er pro Jahr 40.000 Kilometer mit dem Auto und kennt inzwischen „alle Autobahnraststätten in Österreich“. Vor 2007 habe er nur ein paar Programme vor allem etablierter Kabarettisten gekannt. Im selben Jahr begann er im Theatercafé in Graz zu jobben, wo er dann hoffnungsvoll der Kleinkunst verfiel: „Bis 2011 habe ich zwischen drei- und vierhundert Kabarettauführungen gesehen“, bilanziert er.

Ein rücksichtsvoller Haudrauf

Subtil wie ein Holzhammer und mit steirischem Dialekt, der selbst manchen SteirerInnen verwegen erscheint, errang Pizzera die Gunst des Publikums. Seine Nummern sind oft herrlich derb bis vulgär, nie schreckt er davor zurück, sich die Zunge schmutzig zu machen. „Primitivgründig“, sagt er, will er sein: seicht, aber mit Tiefgang. In beiden Programmen spielen die Themen Familie, Freunde und Liebe eine große Rolle. Auch hier gilt: bisher hat Pizzera noch keine Samthandschuhe gefunden, die ihm gepasst hätten. Über seine Eltern heißt es in seiner aktuellen Produktion: „Wo immer meine Eltern emotional nicht da waren für mich – sie ham das immer mit finanziellen Mitteln eins zu eins aufgewogen (…) Freindin weg – neichs Radl“. Zudem gibt es mehrere Liebesliedversuche, seine Freundin vergleicht er darin einmal mit einem „Einarmigem im Second-Hand-Shop“. Auch der große Bruder ist eher, sagen wir mal: simpel gestrickt.

Kann er sich bei denen überhaupt noch blicken lassen, ohne um seine körperliche Unversehrtheit fürchten zu müssen? „Natürlich, die wissen alle, dass es sich um eine Kunstfigur handelt“, sagt er und führt weiter aus: „Klar dass auch meine eigenen Erfahrungen eine Rolle dabei spielen, aber um es auf den Punkt zu bringen: So oag woa‘s ned, so ähnlich war‘s schon.“ Er würde beim Schreiben von Nummern immer darauf achten, dass seine Darstellungen so weit von der Wirklichkeit abweichen, dass keine eindeutigen Rückschlüsse auf bestimmte Personen aus seinem Umfeld gezogen werden können. „Nur für einen Schmäh“ ihm nahestehende Menschen zu verletzen ist für ihn einfach nicht drin. Und übrigens: Pizzera ist als Einzelkind aufgewachsen.

Das nette Arschloch von nebenan

Pizzera, der einen Bachelor in Germanistik („das Dreirad unter den Karriereboliden“) hat, kommentiert in seinen Programmen gelegentlich auch das politische Geschehen, spricht und singt von Altnazis und den Umgang mit AsylwerberInnen in Österreich. Glaubt er damit etwas verändern, jemanden wachrütteln zu können? Er winkt ab: „Das wäre Sozialromantik.“ Trotzdem: „Aber wenn du schon die Möglichkeit hast, auf einer Bühne zu stehen, ist es meiner Meinung nach auch deine verdammte Pflcht, eine bestimmte Message – und sei es nur, weil es dir persönlich wichtig ist – zu vermitteln. Das gehört sich einfach.“ Außerdem sei Kabarett in seinen Augen immer politisch, selbst wenn es nicht explizit auf ein aktuelles Geschehen verweist; einfach weil man „nicht keine Meinung“ haben kann.

Während des Gesprächs erwähnt er manchmal „den Josef“, „den Mike“ oder „den Günther“ und meint damit die Szenegrößen Josef Hader, Mike Supancic oder Günther Paal alias Gunkl. Mit manchen von ihnen ist er befreundet. Das beste Kabarett ist für ihn nicht zwingend dasjenige, das die lautesten Lacher aus den BesucherInnen herauskitzelt. Eines seiner größten Vorbilder beispielsweise ist Martin Puntigam, dessen Soloprogramme laut Pizzera immer „hart an der Schmerzgrenze“ vorbeischrammen würden. Puntigam sei einer der wenigen, die es in Kauf nehmen würden, die Menschen im Publikum mitunter bis zum vorzeitigen Verlassen des Saals zu verärgern: „Seine Protagonisten sind immer Arschlöcher, die du aber im Verlauf der Vorstellung zu mögen beginnst. Definitiv keine guten Menschen, aber irgendwann merkst du halt, dass du selbst auch kein guter Mensch bist.“

Hin und weg

Seine Programme seien unter anderem von einer, so steht es im Pressetext, „Überdosis Selbstironie“ gekennzeichnet. „Es gibt nichts schlimmeres als Menschen, die sich selbst zu wichtig nehmen“, sagt er. Sitzt man, sich seines Statuses als Star unter den Newcomern bewusst, Pizzera gegenüber, kauft man ihm ohne Umschweife ab, dass er seinem Vorsatz „am Boden“ bisher treu geblieben ist. Dass Selbstironie, will man eine Bühnenfigur verkaufen, auch gut fürs Geschäft sein kann, schadet dann ja auch nix. Pizzera:  „Wenn du deine Fehler unter einen Scheinwerfer stellst, wirst du immer sympathischer wirken, als wenn du versuchst, sie zu überschminken.“

So, genug geplauscht, die Arbeit ruft – Pizzera hat heute Abend noch einen Auftritt. Vorgeglüht (zwei doppelte Espressi, schwarz natürlich) hat er ja schon. Wir lernen: Wer sich wegtun will, darf sich nicht gehen lassen.


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