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„Gabalier, mein kleiner Liebling in der Lederhose“

10. Juni 2015 / von / 0 Kommentare

Über ihren nächsten Urlaub, Andreas Gabalier und ihre aktuellen Werke sprachen wir mit den Bestseller-Autorinnen Vea Kaiser („Makarionissi oder Die Insel der Seligen“) und Julya Rabinowich („Die Erdfresserin“). Beim gemütlichen Gespräch im Rochus im neunten Bezirk redeten sie auch über den männlich dominierten Literaturbetrieb, ihre Definition von Glück und die Sehnsucht nach Identität.

WV: Eure Terminkalender sind ja gerade ziemlich voll. Wann steht denn der nächste Urlaub an?

JULYA RABINOWICH: (lacht) Schöner Scherz. VEA KAISER: Am 10. Juli. Die Familie meiner besten Freundin hat Verwandte in Kroatien, die wir besuchen. Die sind wie meine zweite Familie. JULYA: Vielleicht Ende August. Aber es ist kein richtiger Urlaub, weil ich schreiben werde.

WV: Ist es als Autorin schwierig abzuschalten, weil die Arbeit immer mitreist?

VEA: Schreiben kannst du eigentlich überall – im Zug, im Flugzeug, im Hotelzimmer. Als Autorin arbeitest du im Fantasiezentrum. Das kannst du nicht abschalten.

WV: Gibt es einen Ort, den ihr unbedingt einmal besuchen wollt?

JULYA: Tokio. Wovor ich aber Angst habe, ist, dass ich die Schrift nicht lesen kann. Das macht einen so hilflos, so kindlich. VEA: Mir ist es gerade im Iran so gegangen. Als Schriftstellerin bist du so wahnsinnig wortgeil. Wenn da Wörter sind und du verstehst sie nicht… JULYA: Das macht mich wahnsinnig. Für mich ist es eine „Re-Traumatisierung“, weil ich das schon als Kind erlebt habe, als ich mit sieben Jahren aus Russland nach Wien gekommen bin. VEA: Ich will unbedingt nach Montenegro. Mein nächstes Buch wird teilweise in Montenegro spielen.

WV: Zurück nach Wien: Was verbindet euch mit dieser Stadt?

VEA: Für mich ist Wien wie eine Homebase. Den Begriff Heimat finde ich problematisch und schwierig. JULYA: Ich sage nur: Gabalier, mein kleiner Liebling in der Lederhose (lacht).

WV: Ihr seid wohl keine Fans von Andreas Gabalier?

VEA: Ich bastle gerade an einer YouTube-Serie, in der ich Texte von ihm interpretiere: „Du bist meine Zuckerpuppe, mit deinen leuchtenden Augen und deinem feschen Dirndl.“ JULYA: Das Lied „Mountainman“ musst du unbedingt analysieren. Es ist sehr zweideutig, obwohl er es garantiert nicht so meint. Er singt über den Mountainman, der so toll und stark ist. Dann im Refrain singt er: „Wann kommst du, oh Mountainman“? Er steigt von der Ich-Form in die zweite Person. Das heißt ja, dass er sich selber geil findet oder den Mountainman. Entweder ist es der Höhepunkt des Narzissmus oder er hat einschlägige Fantasien (lacht). VEA: Mich hassen Gabalier-Fans sowieso schon, weil ich einem Interview gesagt habe, was ich an ihm nicht gut finde.

WV: Wieso hat so jemand überhaupt derart großen Erfolg?

JULYA: Er trifft gewisse Nerven und Verunsicherungen von Menschen, die sich gerne zusammenrotten, um sich als eins zu fühlen. Er bietet sehr einfache Schablonen, in die sich viel hineinpressen lässt. VEA: Er transportiert Sicherheit und Verbundenheit mit seinen Songs. Viele Menschen sehnen sich nach diesen einfachen Strukturen. JULYA: Wir erleben quer durch Europa eine Rückwärtsgewandtheit. Diese Angst ist nicht erfunden. Nur die wird sich nicht mit Hass gegen andere lösen lassen. Viele FPÖ-Wähler überkreuzen sich mit Gabalier-Fans.

WV: Warum brauchen die Menschen das?

VEA: Weil die Menschen auf Identitätssuche sind. Sie sehnen sich nach einer Familie. JULYA: Weil die Familien zerfallen. Meine Tochter ist gerade ausgezogen und ich habe mich schon einsam gefühlt. Ich hätte gerne mehr Familienstruktur um mich herum. VEA: Bei mir ist es umgekehrt. Mein Freund stand vor Kurzem mit einem riesigen Koffer vor der Tür. JULYA: Das ist schön. Bei mir ziehen sie mit den Koffern wieder aus (lacht). VEA: Mich überfordert es gerade noch ein bisschen, weil ich das noch nie gehabt habe. Aber positiv überfordert. JULYA: Aber wenn sie dann alle ausziehen, ist es schlimmer, glaub’ mir (lacht).

Das Rochus 1090 ist seit knapp drei Jahren ein Hotspot im Bezirk. Besonders schön im Sommer: die belebte Terrasse. 
Bereits seit zehn Jahren gibt es das Schwesterlokal im Dritten neben dem Rochusmarkt.
Tipp: Der Chili-Burger mit Speck, Pommes und BBQ Sauce vertreibt jeden Hunger. Dazu passt ein hausgemachter Pfirsicheistee
 
 

WV: Vea, in deinem neuen Buch ,Makarionissi oder Die Insel der Seligen' geht es ja auch um eine Familie, die wieder zueinander findet, und um die Frage nach dem Glück. Wie definierst du Glück für dich selber?

VEA: Glück ist immer etwas ganz Simples. Das Gefühl, das man jetzt gerade am richtigen Ort mit den richtigen Menschen ist. Dass man diesen inneren Motor, der dich hin- und herreißt, abschalten kann. Das Gefühl von einem perfekten Moment. JULYA: Für mich wäre Glück, dass sich dieser Moment mindestens eine halbe Ewigkeit erstreckt. Wenn er gleich wieder weg ist, ist mir das zu wenig. VEA: Mit dem Glück ist das so eine Sache. Weil wenn du das dauerhaft hast, dann kannst du es nicht so schätzen.

WV: Julya, in deinem jüngsten Roman ,Die Erdfresserin' beschäftigst du dich ja eher mit letzterem. Da geht es um illegale Prostitution, um Frauenschicksale und um Ausbeutung. Warum beschäftigen dich diese Themen?

JULYA: Das, was in mir ein innerliches Beben auslöst, darüber schreibe ich. Ich habe mehrere Frauen kennengelernt, die in diesem Umfeld gelebt und gearbeitet haben. Mir war es wichtig, diese Realität, die neben unserer abläuft, sichtbar zu machen.

WV: Apropos Frauen: Haben es Frauen im österreichischen Literaturbetrieb schwieriger?

VEA: Frau Kaiser, sind so jung und schon eine Schriftstellerin? Frau Kaiser, Sie haben ein dickes Buch geschrieben und sind trotzdem schön? Ich habe einen Katalog von 20 Fragen, die ich mittlerweile jedem ins Gesicht schmeißen könnte. Das sind alles Fragen, die ich als Mann nie bekommen würde. Im Literaturbetrieb ist ein einziger Typus von Autorin akzeptiert – das zerbrechliche, verunsicherte, scheue Wesen.

WV: Wieso gibt es diese Bilder im Kopf?

VEA: Weil der Literaturbetrieb dominiert wird von älteren, weißen Männern. Mir ist das in letzter Zeit massiv aufgefallen. Wenn auf einmal eine junge Frau so erfolgreich ist und nicht in das Bild der zerbrechlichen und dadurch kontrollierbaren Autorin passt, dann mögen sie das nicht.

WV: Wird die eigene Vermarktung gut angenommen?

VEA: Sobald du beginnst, dich zu vermarkten – was wir beide ja machen – wirst du skeptisch beäugt, weil es nach wie vor das Bild des am Hungertuch nagenden Künstlers gibt. JULYA: Ich komme aus einer Künstlerfamilie und habe gelernt, mit wenig auszukommen. Es wurde mir aber erst bewusst, als ich begonnen habe, etwas zu verdienen. Ich möchte nicht unter diesem ständigen Bedrohungsszenario leben. Es ist natürlich immer noch so, dass man nicht weiß, wie es morgen aussieht. Ich habe keine Frau zuhause, die meinen Kalender verwaltet, die mein Handerl hält, bevor ich auf die Bühne muss. Das ist oft im Betrieb zu finden. VEA: Der Herr Schriftsteller hat die Gemahlin mit, die ihren Mann, der mittelmäßige Bücher schreibt, anhimmelt.

WV: Lest ihr Rezensionen über eure eigenen Werke?

VEA: Nein. Was ich gerne lese, sind Kommentare und Briefe von meinen Lesern. Aber ich versuche gerade, Rezepte zu finden, diese digitale Welt stark einzugrenzen. Weil es so viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich habe computerfreie Tage und das Handy ist zwischen 20 Uhr und 10 Uhr abgeschalten. Ich versuche mir wieder Freiräume zurückzuerobern. JULYA: Es kann einen schon verwüsten und leeren. Es zerstört jegliche Fokussierung.

WV: Ist es heutzutage schwer, fiktive Geschichten zu verkaufen?

JULYA: Bei Frauen wird immer gefragt, ob das Werk autobiografisch ist. Frauen verwalten bloß ihre Geschichte, und Männer schöpfen aus den Vollen. Das macht mich rasend. Wieso sollte ich, nur weil ich eine Frau bin, ausschließlich autobiografisch arbeiten? VEA: Ich glaube, das hat auch mit einem generellen Trend unter Lesern zu tun. Die größte Aufgabe der Autorinnen und Autoren im 21. Jahrhundert ist es, die Fiktion zu verteidigen. Alle wollen dokumentarische Romane. In Zeiten totaler Recherchierbarkeit ist für Menschen ganz schwierig, die Fiktion zuzulassen. JULYA: Das Fantastische ist ein Grundbedürfnis.

WV: Letzte Frage: Habt ihr Buchempfehlungen für diesen Sommer?

JULYA: „Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow empfehle ich immer und überall. Die perfekte Mischung aus Fantastischem und Politischem. VEA: Ich empfehle „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Ein Buch, das jeder gelesen haben muss.

 

Über die Autorinnen

Vea Kaiser, geb. 1988 in Österreich, veröffentlichte 2012 ihren Debütroman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam, der Platz 1 der ORF-Bestenliste erreichte und Leser wie Presse gleichermaßen begeisterte. Übersetzungen ins Tschechische, Niederländische, Französische sowie eine Verfilmung sind in Arbeit. Nach ihrer Lesereise in über 100 Städte und 10 Länder studiert sie nun in Wien Altgriechisch. Vea Kaisers zweiter Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist im Mai 2015 erschienen.

Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, ist Dolmetscherin, Autorin, Dramatikerin und Malerin. Sie studierte Simultanübersetzung an der Universität Wien sowie Philosophie und Malerei an der Universität für angewandte Kunst. Seit 2006 ist sie als Simultandolmetscherin im Rahmen von Psychotherapie- und Psychiatriesitzungen mit Flüchtlingen tätig. Im Standard erscheint wöchentlich ihre Kolumne „Geschüttelt, nicht gerührt“. 2003 bekam sie den Literaturpreis „schreiben zwischen den kulturen“ der edition exil. Sie erhielt diverse Stipendien, u.a. das Arbeitsstipendium der Stadt Wien (2004), das Stipendium der wiener wortstätten (2006), das Arbeitssstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts (2009) sowie das Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2010) (2012) (2015). Für ihr Romandebüt „Spaltkopf“ (2009) wurde sie mit dem Rauriser Literaturpreis für die beste Prosa-Erstveröffentlichung ausgezeichnet, 2011 erschien er in englischer Übersetzung. 2011 nahm sie an den Tagen der deutschsprachigen Literatur (Bachmann-Preis) teil. 2011 und 2012 folgten die Romane „Herznovelle“ und „Die Erdfresserin“. 2014 wurde sie mit dem Frauenpreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Julya Rabinowich lebt in Wien.


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