DSC_5813

Frauenberger: „Die Karriere ist ein Hürdenlauf für Frauen“

16. Dezember 2014 / von / 0 Kommentare

Sandra Frauenberger (SPÖ), Stadträtin für Integration, Frauenfragen, Konsumentinnenschutz und Personal, erklärt, warum Frauen die Krisenverliererinnen sind und es keine Männerdiskriminierung gibt.

Interview: Dino Šoše | Fotos: Igor Ripak

Vor kurzem erschien das Buch „Schneewittchenfieber“ von „Profil“-Journalistin Angelika Hager. Überspitzt formuliert, behauptet die Autorin darin, die Frauenbewegung war umsonst. Stimmen Sie dem zu?

SANDRA FRAUENBERGER: Die Emanzipationsbewegung war sicher nicht umsonst. Man muss sich das immer im Kontext der wirtschaftlichen Lage ansehen. Wir befinden uns mittlerweile seit vielen Jahren in einer Krise. Wir wissen auch aus anderen Rezessionszeiten, dass die ersten Opfer solcher Zeiten Frauen sind. Es ist in Krisenzeiten immer noch wichtiger, dass der Mann als Familienerhalter Arbeit hat und Frauen ziehen sich dann in die unbezahlte Arbeit zurück. Das steht meinem Ziel, dass Frauen sicher, selbstbestimmt und unabhängig leben können, diametral entgegen. Bezahlte und unbezahlte Arbeit sind noch nicht gleichermaßen verteilt. Das liegt daran, dass wir noch immer ein konservatives Familienbild haben. Aber unser Gleichstellungsmonitor spricht auch in weiten Teilen eine ganz andere Sprache.

Die Ergebnisse dieses Monitors sind für viele wenig überraschend. Frauen in Wien verdienen durchschnittlich 12,60 brutto die Stunde, während Männer 15 Euro brutto verdienen. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass Frauen genau so viel verdienen wie Männer?

FRAUENBERGER: Ja, das sollte es.

Inwiefern hat sich die Situation im Vergleich zur Zeit vor 10-20 Jahren verbessert?

FRAUENBERGER: Die Einkommensunterschiede haben sich deutlich verringert. Frauen sind mittlerweile besser qualifiziert, in Wien gibt es ganztägige Kinderbetreuungsangebote, es gibt keinen Kollektivvertrag mehr, der zwischen Frauen und Männern unterscheidet. Zwei Probleme gibt es aber. Erstens: Frauen arbeiten überwiegend in Teilzeit, um Beruf und Familie oder Pflege besser vereinbaren können. Und der zweite Punkt ist allein der Faktor Geschlecht. Man kann die Einkommensschere nicht mehr erklären, wenn Frauen dieselben Bildungsabschlüsse haben, im selben Stundenausmaß angestellt sind, Vereinbarkeit ermöglicht wird und dennoch ein gewisser Prozentsatz offen bleibt, der immer schwieriger zu schließen ist.

Wie können sich Männer im Alltag für die Gleichberechtigung einsetzen?

FRAUENBERGER: Männer können sich für die Gleichberechtigung einsetzen, indem sie „Vier Wände – Vier Hände“ leben. Indem sie bereit sind, sich unbezahlte Arbeit ehrlich aufzuteilen und Zeiten der Betreuung der Kinder ernsthaft zu übernehmen. Wir haben Modelle, die es Paaren ermöglichen, zu gleichen Teilen in Karenz zu gehen. Es gibt immer mehr Männer, die Karenzzeiten nehmen. Aber sie nehmen dann häufig nur zwei Monate. Mehr ist schon wieder nicht mehr denkbar für sie, weil Betriebe nicht mehr erlauben, womit den Männern auch ein enormer Druck gemacht wird. An diesem Beispiel sieht man wieder, dass unsere Gesellschaft nicht so weit ist. Man muss die Wirtschaft entsprechend in die Pflicht nehmen, ernsthaft für Diversität und Gleichstellung zu sorgen. Das ist auch bei den Quoten so: Wenn wir darauf warten würden, dass irgendwann irgendwo irgendjemand sitzt, der so nett ist und sagt: „Ich will das schon mit der Gleichstellung“, dann geht nichts weiter.

Ab wann wird der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen besonders deutlich?

FRAUENBERGER: Gehen wir davon aus, dass wir zwei Leute, die beide eine Lehrabschlussprüfung absolviert haben, als Bürokaufmann und Bürokauffrau, in einem Unternehmen arbeiten. Wenn sie anfangen, verdienen beide gleich viel. Die Frau macht wahrscheinlich eher Sekretariatsarbeiten, weil man ihr inhaltlich weniger zutraut. Sobald es darum geht, mehr Verantwortung an die beiden zu übergeben, wird der Mann eher mehr Verantwortung übertragen bekommen als die Frau. Schon steigt der Mann in der internen Hierarchie früher auf. Es ist zuerst nur eine Gehaltsstufe, aber es ist schon ein Einkommensunterschied.

…vorausgesetzt, der Vorgesetzte ist ein Mann…

FRAUENBERGER: Nein, das ist oft auch einfach die Kultur. Dann arbeiten die beiden weiter und die Frau geht in Karenz. Vielleicht auch nur ein Jahr, aber der Mann bleibt im Unternehmen und steigt weiter auf. Wenn sie zurückkommt, hat sie zwar mit dem gleichen Gehalt begonnen, ist aber nach vier Jahren schon zwei Gehaltsstufen unter ihm. So entwickeln sich Einkommensunterschiede. Wem traut man was zu, wer wird beispielsweise vorgeschlagen für eine innerbetriebliche Aus- und Weiterbildung, wer weniger? Selbst, wenn du rechtlich die gleichen Bedingungen und Ausbildungen hast und das gleiche Alter – der Karriere- und Einkommensverlauf für Frauen ist wie ein Hürdenlauf, während der Mann schön durchrennt.

Gibt es Bereiche, in denen Männer diskriminiert werden?

FRAUENBERGER: Das glaube ich nicht, ich kenne das in meiner Gleichstellungsarbeit nicht.

Beim Thema Scheidung?

FRAUENBERGER: Geschieden werden beide.

Thema Obsorge?

FRAUENBERGER: Wenn die bezahlte und unbezahlte Arbeit ungerecht verteilt ist, warum soll man plötzlich bei der Obsorge gerecht verteilen?

Wenn Frauen und Männer ganz gleichberechtigt sein sollten, warum ist es dann selbstverständlich, dass das Kind bei der Mutter bleibt?

FRAUENBERGER: Wenn die Frau überwiegend die gesamte Kinderbetreuungsarbeit übernommen hat, während der Mann in der Arbeit ist und Karriere gemacht hat, dann finde ich das ein bisschen komisch, dass das Gesetz hier gleichstellen soll, was im Privaten nicht gleich verteilt ist.

Kommentieren


7 + = 10