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Flüchtlinge Willkommen: Alle unter einem Dach

08. April 2015 / von / 0 Kommentare

Seit Jänner vermittelt die Plattform „Flüchtlinge Willkommen“ WG-Zimmer an Asylsuchende. WIENER VIELFALT hat eine Wohngemeinschaft in Wien besucht, die einen Flüchtling bei sich aufgenommen hat.

Story: Simone Grössing | Fotos: Igor Ripak

Alexejs WG-Zimmer ist noch spärlich eingerichtet. Erst seit einem Monat lebt der 24-jährige Flüchtling aus Russland in der Wohngemeinschaft von Kearsley und Katharina in Wien. Neben einem Bett und einem Kasten findet man darin momentan nur einen Kratzbaum für die WG-Katze: „Die war ihm von Anfang an wichtig“, sagt Alexejs Mitbewohnerin Katharina. Die drei StudentInnen sitzen im Wohnzimmer an einem runden Holztisch und erzählen davon, wie sie sich kennengelernt haben. Alexej spricht in zaghaftem Englisch, manchmal übersetzt Katharina mithilfe von Google Translate aus dem Russischen ins Englische.

Alexej lebt erst seit einem halben Jahr in Österreich. Er ist einer der ersten Flüchtlinge, die Russ-land aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verlassen haben und nach Österreich geflohen sind. Er ist auch einer der ersten Asylsuchenden, die nicht in einem Flüchtlingsheim wohnen, sondern in einer Wohngemeinschaft leben. Dass er die WG von Kearsley und Katharina gefunden hat, das hat er der Plattform „Flüchtlinge Willkommen“ zu verdanken. „Flüchtlinge Willkommen“ ist eine gemeinnützige Organisation, die es sich zum Ziel gemacht, Flüchtlinge gesellschaftlich zu integrieren und eine Alternative zur gängigen Flüchtlingsunterbringung zu schaffen. Wer ein Zimmer frei hat und einen Flüchtling aufnehmen möchte, kann sich auf flüchtlinge-willkommen.at online anmelden. Asylsuchende, die wiederum auf der Suche nach einem WG-Zimmer sind, können sich ebenso bei der Plattform melden. Die Online-Plattform vermittelt dann zwischen Wohngemeinschaften und Asylsuchenden und stellt den ersten Kontakt her.

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Alexej lebt seit einem halben Jahr in Österreich. Er verließ Russland aus Angst um sein Leben.
Er hat vorerst ein neues Zuhause in der WG von Kearlsey und Katharina gefunden.

Gegen Hetze und Ausgrenzung

Katharina und Kearsley hörten vor einiger Zeit von dem Projekt und wussten sofort, dass sie einen Flüchtling aufnehmen möchten, schließlich stand schon seit längerem ein Zimmer in ihrer Wohnung leer. „Wir waren wütend, weil in Österreich oft gegen Flüchtlinge gehetzt wird und die Situation allgemein für Asylwerber schwierig ist. Wir wollten einfach etwas tun“, so die beiden über ihre Motive. Nur ein paar Wochen nach ihrer Anmeldung bei „Flüchtlinge Willkommen“ stellte ihnen die Plattform Alexej vor. Die drei verstanden sich auf Anhieb gut und ein paar Wochen später zog der ehemalige Klavierstudent in ihre WG ein. Für ihn war das eine große Erleichterung, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt eine regelrechte Odyssee hinter sich: Im Oktober hatte Alexej Russland verlassen, da die Situation für ihn dort immer gefährlicher wurde. „Freunde von mir wurden umgebracht, weil sie homosexuell sind. Ich hatte Angst um mein Leben“, erzählt er. Auf die Straße ging er aus Furcht vor Angriffen nur noch vermummt.

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Seit der Einführung des Gesetzes gegen „Homosexuelle Propaganda“ vor zwei Jahren hat sich die Situation für Homosexuelle in Russland zusehends verschlimmert. Die Polizei hatte Alexej schon mehrmals festgenommen. „Ich habe nie etwas Kriminelles getan. Ich wurde festgenommen, weil ich schwul bin“, sagt Alexej. In der Haft wurde er von Polizisten schikaniert und sexuell missbraucht. Dann kam der Tag, an dem Conchita Wurst den Songcontest gewann und Alexej wusste, dass er nach Österreich will. „Ich dachte, wenn jemand wie Conchita Österreich beim Songcontest vertreten darf, dann muss das ein sehr tolerantes Land sein.“ Mittlerweile hat er zwar ein etwas anderes Bild von Österreich, aber zumindest ist er hier sicher. Außerdem hat er hier endlich ein Zuhause gefunden, in dem er sich wohl fühlt, was bei Flüchtlingen nicht oft der Fall ist. Als Alexej nach Österreich kam, landete er zuerst im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Dort wurde er von anderen Flüchtlingen gedemütigt und belästigt: „Ich konnte dort nicht bleiben“, sagt Alexej. Die letzten Monate vor seinem Einzug in die WG war er temporär in der Rosa Lila Villa untergebracht.

„Eine ganz normale WG“

Kearsley und Katharina wissen von Alexejs Geschichte. „Im Alltag versuchen wir, so gut es geht, auf Alexej einzugehen“. Auch bei den Finanzen: „Als Flüchtling bekommt man nur geringe Unterstützung vom Staat und muss davon irgendwie leben. Für uns ist es selbstverständlich, dass jeder so viel Miete zahlt, wie es für ihn möglich ist“, sagt Katharina. Das Zusammenleben funktioniert in der internationalen WG reibungslos. Manchmal gibt es noch kleine Sprachbarrieren – in der WG wird eine Mischung aus Englisch und Deutsch gesprochen. Aber selbst das ist kein großes Problem. „Im Grunde sind wir eine ganz normale Wohngemeinschaft“, sagt Kearsley. Ab und zu wird gemeinsam gekocht und manchmal zeigen Katharina und Kearsley ihrem neuen Mitbewohner die Stadt. „Wir unterscheiden uns von anderen WGs nur darin, dass wir manchmal gemeinsam zur Einwanderungsbehörde gehen und Papierkram erledigen.“

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„Wir waren wütend, weil in Österreich oft gegen Flüchtlinge gehetzt wird”, sagen die WG-BewohnerInnen und meldeten sich auf der Plattform “Flüchtlinge Willkommen” an.

Alexej ist froh, dass langsam endlich wieder ein wenig Normalität in sein Leben zurückkehrt. Auch wenn er oft Heimweh hat und irgendwann nach Russland zurückkehren möchte, wenn er dort nicht mehr um sein Leben fürchten muss – vorerst ist sein Zuhause die WG von Kearlsey und Katharina. Wenn alles klappt, fängt Alexej im Herbst mit dem Skandinavistik-Studium an. Und auch ein weiterer Traum ist kürzlich in Erfüllung gegangen: Ein Treffen mit Conchita Wurst.

Zum Projekt

Die Initiative Flüchtlinge Willkommen vermittelt private Unterkünfte an geflüchtete Menschen. JedeR kann ganz einfach online Zimmer anbieten. Weitere Infos zum Ablauf gibt es auf: www.fluechtlinge-willkommen.at


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