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Fakten statt Hetze: Mehrsprachigkeit

07. April 2015 / von / 0 Kommentare

Diesmal räumen wir mit den größten Mythen und Vorurteilen rund ums Thema Mehrsprachigkeit auf.

Deutsch muss Pausensprache sein, damit Kinder Deutsch lernen.

Erst kürzlich wurde in einer Wiener Schule ein Brief der Direktorin publik, dass Deutsch nicht nur in den Klassenzimmern sondern auch in den Pausen gesprochen werden müsse. Die Gründe für das „Verbot der Muttersprache“ liegen nicht darin, dass die SchülerInnen der deutschen Sprache nicht mächtig seien, sondern wegen eines Missverständnisses auf dem Schulgelände. Um weitere sprachliche Fehlgriffe zu vermeiden, hat die Schulleitung beschlossen, den Gebrauch der eigenen Muttersprache auf dem Schulgelände zu verbieten. Fakt ist: Selbst wenn der korrekte Gebrauch der deutschen Sprache der tatsächliche Beweggrund der Direktion gewesen wäre, gäbe es keine wissenschaftlichen Beweise für das Gelingen dieses Projektes. Wie bereits erwähnt, assoziieren mehrsprachige Kinder mit gewissen Personen auch eine gewisse Sprache. Wenn also eine 12-Jährige in der Schulpause in das Klassenzimmer ihrer größeren Schwester geht, um ihr etwas zu erzählen, so ist es eher unvorteilhaft, sie zu zwingen mit ihrem Familienmitglied in einer Sprache zu sprechen, die für beide eine komplett andere Assoziation hervorruft.

Mehrsprachige Kinder sind langsamer in der Sprachentwicklung und fangen teilweise später an zu sprechen.

Dass mehrsprachige Kinder in der Sprachentwicklung nachhinken, ist nicht belegt. So kann ein verzögerter Spracherwerb viele Ursachen haben. Auch können einsprachige Kinder davon betroffen sein. Viele nehmen auch an, dass die kognitiven Leistungsfähigkeiten von mehrsprachigen Kindern beeinträchtig seien und somit „nur“ sprachbegabte oder besonders intelligente Kinder in der Lage seien, mehr als eine Sprache zu erwerben. So glaubt man auch, dass der Erwerb weiterer Sprachen zusätzlich zur Muttersprache das Erlenen anderer Fähigkeiten maßgeblich beeinträchtigen würden, da in einem kindlichen Gehirn nicht ausreichend Platz sei, um alle Informationen korrekt zu verarbeiten. Entgegen vieler Vorurteile haben moderne Studien belegen können, dass eine mehrsprachige Entwicklung die kognitive Entwicklung in keinster Weise beeinträchtigt, sondern eher positiv beeinflusst. So haben Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, allgemein bessere kognitive Fähigkeiten. Sie verfügen über eine größere mentale Flexibilität und können daher auch abstrakter denken.

Mehrsprachige Kinder verwechseln die Sprachen.

Es ist ein Mythos, dass die sprachliche Kapazität des Menschen begrenzt sei. Besonders Kinder sind in der Lage mehrere Sprachen spielerisch einfach zu erwerben. Dass Kinder Sprachen oder Vokabeln verwechseln, ist ein Irrglaube, denn Kinder können gezielt nach dem Prinzip „one parent – one language“ unterscheiden, mit wem sie welche Sprache sprechen. So assoziieren Kinder bestimmte Sprachen mit bestimmten Bezugspersonen. Das bedeutet auch, dass Eltern mit ihren Kindern in der Sprache sprechen sollten, die sie selbst am besten beherrschen. Der vertiefende Erwerb der Muttersprache profitiert auch vom Erlernen weiterer Fremdsprachen, denn Kinder können schneller Bedeutungen und Strukturen aus dem Kontext erschließen, auch wenn sie das eigentliche Wort zuvor nie gehört haben. Sie wissen, dass die Zuordnung von Wort und Bedeutung willkürlich ist und es mehr als nur ein „richtiges“ Benennungssystem gibt. Sie reflektieren bereits in einem jungen Alter über Sprache und Spracherwerb und können weitere Fremdsprachen schneller erlenen als einsprachige Kinder.

Kinder mit Behinderungen können nicht in einem mehrsprachigen Umfeld aufwachsen.

Obwohl Kinder mit Behinderungen in ihren kognitiven Fähigkeiten in gewisser Weise eingeschränkt sind, sind sie sehr wohl in der Lage mehrere Sprachen zu erlernen. Unter Umständen funktioniert der Erwerb neuer Sprachen zwar nicht so schnell wie bei Kindern ohne Beeinträchtigungen, dennoch ist es im Rahmen des Möglichen. Studien haben gezeigt, dass eine multilinguale Umgebung für Kinder mit Behinderung keine zusätzliche Herausforderung darstellt. Tatsächlich ist es möglich, dass sich Kinder mit Behinderungen den Wortschatz in der eigenen Muttersprache durch Vokabellernen in der Fremdsprache erweitern und so auch einen passiven Wortschatz in einer Fremdsprache aneignen.
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