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Es geht um Lebenskraft

16. März 2016 / von / 0 Kommentare

Regisseurin Mirjam Unger und Schauspieler Gerald Votava im Gespräch über die körperlichen Herausforderungen des Filmemachens und die besten
Netflix Serien.

Foto: Igor Ripak

WV: Lieber Gerald, für deine Rolle als Kriegsheimkehrer in Mirjams Film „Maikäfer flieg“, hast du über 30 Kilo abgenommen. Behältst du deinen Diätplan auch nach dem Dreh?

GERALD VOTAVA: Abnehmen wollte ich schon lange. Der Film war dafür ein großer Katalysator. Ich habe aber seit dem Film wieder sehr viel gegessen, was während der Diät verboten war und das mit großer Freude (lacht). Prinzipiell achte ich aber schon weiterhin darauf, was ich esse.

WV: War das Abnehmen eine große Herausforderung für dich?

VOTAVA: Es ging leichter als erwartet. Sobald der eigene Körper der Rolle entspricht, beginnt ja erst die eigentliche Schauspielarbeit. Wenn das Esszentrum im Hirn lästig wird, muss man eben einen Weg finden, damit umzugehen. Ich mache sehr gerne Sport und habe während des Drehs Lauf- und Krafttraining gemacht, das hat sicher auch geholfen. Mirjam denkt zum Glück auch lange vor Drehbeginn an solche Dinge und wir hatten die passenden Diätpläne und genug Zeit, um abzunehmen. Am Set gab’s auch das passende Catering. MIRJAM UNGER: Es haben alle Schauspieler einen Diätplan bekommen, damit alle dünn sind. Im Film ist ja Kriegsende und da haben halt alle gehungert. Das soll schon glaubwürdig aussehen. Mit der Low Carb-Diät haben letztendlich alle fünf bis acht Kilo weniger gehabt. Es gab immer Suppe, Salat und Obst. Normalerweise gibt es ja am Set immer viel Süßes.

WV: Wir sitzen gerade im Cafe Engländer. Wieso habt ihr dieses Lokal vorgeschlagen?

UNGER: Das ist ein Lieblingslokal von Christine Nöstlinger (Anm: Autorin von „Maikäfer flieg“). Sie kommt oft aus dem 20. Bezirk hier her essen. Sie mag das Essen und dass man hier rauchen kann. VOTAVA: Wir waren in letzter Zeit öfter hier, das Essen ist hier sehr gut.

WV: Wie war die Zusammenarbeit mit Christine Nöstlinger?

UNGER: Wir haben vor Drehbeginn intensive Sessions gehabt – das waren manchmal Fünf-Stunden-Gespräche. Wir haben da sehr viel über die Zeit damals erfahren. Es geht ja um ihre Familiengeschichte, es war sehr interessant und lustig. Sie hat uns den Film einfach machen lassen. VOTAVA: Ich kenne wenige Menschen, die Geschichten so lebendig erzählen können. Das Buch spielt im Frühjahr 1945 – ist also lange her. Aber sobald sie davon zu sprechen beginnt, kommen so viele Bilder in einem auf. Das war sehr spannend.

WV: Mirjam, nach einigen Dokumentarfilmen wie „Oh Yeah, She Performs!“ oder „Vienna’s lost daugthers“ hast du jetzt einen Spielfilm gemacht. Was macht dir mehr Spaß: Dokumentar- oder Spielfilme?

UNGER: Ich mag beides sehr gerne. Dokumentarfilm ist mir sehr wichtig und mir sehr nahe. Spielfilme sind auch ein bisschen eine Weiterführung von Dokumentarfilmen. Ich lasse es vor der Kamera auch da gerne laufen. Gerade wenn man mit Kindern dreht, ist das sehr intuitiv und improvisiert. Ich mag das.

WV: Gerald, du machst ja nicht nur Filme, sondern auch Musik und Kabarett. Was sagt dir am meisten zu?

VOTAVA: Die Kinoarbeit ist faszinierend. In den heutigen High Definition Zeiten ist ja auch schon das TV-Bild unglaublich detailliert. Man sieht jede Pore im Gesicht, sodass man auch schon etwas erzählt, wenn sich nur ein Haar in der Augenbraue aufstellt. Man kann in den Bildern so viel Reichhaltiges zeigen. Aber es hat alles seine Qualitäten. Die Serie „Schlawiner“ hat mir zum Beispiel viel Raum für Improvisation gelassen, wo ja meine Wurzeln liegen. Und die Musik ist immer da und wichtig und gut.

WV: Mirjam, deine Filme haben meist einen Wien- und Österreichbezug. Es geht oft um Fragen der Identität. Woher kommt das?

UNGER: Stimmt, das zieht sich ein bisschen durch. Mich interessiert einfach die Frage, woher man kommt und wo die eigenen Wurzeln sind. Also die Identitätsfindung. Ich komme aus einer gespaltenen Familie. Mein Vater war Israeli und die Hälfte der Familie ist jüdisch. Ich bin jüdisch aufgewachsen. Die andere Hälfte meiner Familie ist eine sozialdemokratische, katholische Heurigen-Familie, sie kommt aus Sievering. Der Film „Vienna’s lost daughters“ beschäftigt sich mit dem jüdischen Teil meiner Familiengeschichte, mit „Maikäfer flieg“ ist jetzt der österreichische Teil dran.

WV: Was nimmst du persönlich aus deinen Filmen mit?

UNGER: Ich möchte gerne etwas erfahren, das ich noch nicht weiß, etwas erforschen. Ich möchte meinen Kindern etwas weitergeben. Bei „Vienna’s lost daughters“ ging es mir persönlich um die Kraft der Überlebenden. Auch bei Christine Nöstlinger geht es um Kraft: Sie zeigt, wie man, obwohl man in eine schlimme Zeit hinein geboren wird, trotzdem kräftig und kreativ sein Leben machen kann. Es geht mir also um Lebenskraft, wie man die wiederfindet und wo man die ausbuddeln kann.

WV: Und was nimmst du von deinen Rollen mit, Gerald?

VOTAVA: Manchmal nehme ich von meinen Rollen das Kostüm mit. Ich hab zum Beispiel noch die drei Plastik-Elvis-Imitator-Anzüge aus „Ternitz Tennessee“. Aber jede Rolle wirkt sich verändernd und erweiternd auf mich aus. Aber das gilt für jede künstlerische Arbeit. Wenn ich davor der gleiche Mensch bin wie danach, dann hab ich irgendetwas falsch gemacht. Oft sind das auch praktische Fähigkeiten die man mitnimmt, wie zum Beispiel Russisch sprechen oder Uhren reparieren.

WV: Jetzt ist der Film im Kino und ihr zwei habt wieder ein bisschen mehr Ruhe. Wie relaxed ihr?

UNGER: Wir haben das Fitnesscenter entdeckt. Ich habe für den Dreh irgendeine Art von Training machen müssen und habe angefangen, Gewichte zu stemmen. Es macht mir extrem viel Freude zu spüren, wie stark ich sein kann. Filme machen ist körperlich extrem fordernd, egal in welchem Bereich. VOTAVA: Es ist beeindruckend, wie aktiv die Mirjam am Set ist. Ich habe mir immer gedacht: Unglaublich, was die rennt am Set. Ich selbst hab ja vor 20 Jahren das letzte Mal richtig trainiert und bin dem Film sehr dankbar, dass ich wieder dahin zurück finden konnte. Es ist ja wichtig zu wissen, was der eigene Körper kann. Ich laufe wahnsinnig gerne in der Natur, auch Krafttraining oder Yoga mag ich. Ich habe das mit zehn im Internat gemacht und dann nie wieder. Ich gehe aber auch gerne spazieren. Super ist auch Shoppen gehen, ohne etwas zu kaufen.

WV: Du bummelst also gerne?

VOTAVA: Ja, weil das Einkaufen immer schwerer wird, da man kaum noch unter fairen Bedingungen hergestellte Sachen findet. Ich schätze das Handwerk sehr, lasse mir auch meine Anzüge umschneidern, wenn was nicht mehr passt oder kaputt ist. Ich trage meine Schuhe zwanzig Jahre lang. Aber nicht durchgehend, ich ziehe sie dazwischen zum Lüften aus. UNGER: Wir lieben es auch Kinofilme und Netflix Serien anzuschauen. Zum Beispiel „Jessica Jones“ – das hat mir sehr getaugt. Oder „Fargo“. VOTAVA: Und „Sons of Anarchy“! UNGER: Ja! Eine richtig gute Serie ist schon etwas Tolles.

WV: Könnt ihr überhaupt abschalten und eine Serie anschauen ohne sie dabei ständig zu analysieren?

UNGER: Ich kann das nicht, ich will das aber auch nicht. VOTAVA: Ich bin überhaupt gegen abschalten. Nur das Handyabschalten finde ich gut.

 


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