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Kolumne: Einfältige Vielfalt

02. Mai 2013 / von / 0 Kommentare

Oder: Wer bereichert die Bereicherer?

Vielfalt ist ein zu Recht positiv besetzter Begriff. Jede Form der Vereinheitlichung, Homogenisierung, Gleichschaltung löst unwillkürlich Assoziationen mit Gewalt aus, mit dem Einschleifen von Differenzen. Nicht unoriginell hat die Diversity-Managerin Beatrice Achaleke im Titel ihres Buches folglich die Einfalt als Gegenbegriff zur Vielfalt moniert. Doch auch das Pochen auf Vielfalt kann einfältig sein.

Denkt sich Kemal.

Wer Kemal ist? Kemal ist unser Vorzeigemigrant. Unser Guide durch die Widersprüche der Xenophilie (Fremdenliebe, die mütterlich lächelnde Zwillingsschwester des bösen Fremdenhasses). Kemal kennt die österreichische Gesellschaft ausgesprochen gut. Er kennt den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft, aber auch die zwielichtigen Vorstellungen derer, die ihn vor dem Rassismus beschützen wollen. Und obwohl ihm schon viele Vorteile, auch erotische, daraus erwachsen sind und er nicht undankbar sein will, hat sich in ihm viel Unbehagen aufgestaut. Die Jüngeren, die Migrantenkinder, welche gemeinhin als zweite oder dritte Generation bezeichnet werden, drücken ihren Frust bereits viel unbefangener und frecher aus. Hinter ihnen will Kemal nicht zurückstehen, und so traut er sich das erste Mal in seinem Leben Klartext reden, aber –wir kennen unseren Kemal – ist er viel zu nett, als dass er wirklich böse werden könnte. (Und darunter leidet er am meisten.)

Kemal war nicht als Mitkonsument zum Kulturbüffet eingeladen, sondern als Teil des Büffets.

Wobei wir bereits beim ersten Punkt wären: Kemal plagt seit Jahren der Verdacht, er werde von seinen österreichischen Freunden nicht geschätzt, weil er ein liebenswürdiger Mensch, sondern ein liebenswürdiger Türke ist und ihnen dadurch die unterbewusste Angst vor Türken nimmt, die sie sich vielleicht als raue, ganzkörperbehaarte Dönerrollenschnetzler vorstellen. Er fühlt sich dann oft als Kuscheltürke, zumindest als kuschelige Ausnahme einer haarsträubenden Regel.

Diese Freunde sind zumeist gut verdienende, gebildete und weltoffene Menschen, kennen also die harten sozialen Kämpfe und Probleme nicht, die er kennt. Weil sie keine anderen Probleme haben, interessieren sie sich für Kultur. Aber Kultur bedeutet für sie etwas anderes als für ihn, der sich mühsam aus einer Gastarbeiterfamilie hochgearbeitet hat. Für die Ausländerhasser ist die eigene Kultur eine Einbildung, die ängstlich gegen Fremde verteidigt werden muss, für die Fremden aber ein rettender Baum in einer abweisenden, unübersichtlichen Wüste, ein Stück verwurzelter Heimat, das über die eigene Entwurzelung hinwegtröstet. Man würde sich vielleicht nicht so eng im Schatten seiner Krone zusammenrotten, schlüge einem da draußen nicht so viel Missgunst entgegen, würden einem nicht so viele unnötige Hindernisse in den Weg gelegt. Dieser Baum blüht in den Farben der Vertraulichkeit, aber er wird auch als Marterpfahl verwendet, an den man Individuen bindet, die ihn fliehen wollen. Es ist sogar noch viel komplizierter: Kemal hat sich oft selbst an ihn gefesselt, um sich an der Flucht zu hindern.

Nicht Mitkonsument, sondern Teil des Kulturbüffets.

Für seine privilegierten österreichischen Freunde aber ist Kultur etwas ganz und gar anderes. Für sie bedeutet sie Wellness, und Religionen sind ihnen bunte Mosaiksteine im Weltkulturerbe, und falls sie selbst daran glauben, spirituelle Entschlackungskuren. Für Kemals Freunde ist die Welt also ein Feinkostladen, und je reichhaltiger das Angebot, desto wohler fühlen sie sich darin. So pflegen sie zu ethnischen Kulturen ein kulinarisches Verhältnis. Alle lieben sie Istanbul, das Kemal nicht kennt, weil seine Eltern aus Trabzon stammen und er in Fünfhaus aufgewachsen ist. 

Heute Abend kochen sie Paella, weil sie gestern schon beim Japaner waren, dazu hören sie portugiesischen Fado und lieben einander in indischen Stellungen, sie verteidigen kopftuchtragende Muslimas mit erstaunlichen Argumenten, die Kemal nie zuvor gehört hat, und finden die exiliranischen Aktivistinnen, die ihre Kopftücher verbrennen, genauso cool. Zu Wien modern gehen sie lieber mit ihren jüdischen Freunden, mit Kemal dafür zum Konzert dieser fantastischen kurdischen Sängerin. Es sei hier verraten, dass sich Kemal ihnen gegenüber als Kurde ausgibt, obwohl er nur Türke ist, und als Alewit, obwohl er nur Sunnit ist. Er schämt sich deshalb, aber ansonsten hätte er in dieser Schicht nie so viele Freunde abbekommen. Schamvoll spürt Kemal dann das Gefälle zwischen ihm und ihnen: Sie können zwischen den Kulturen wählen wie zwischen verschiedenen Weinsorten, er fühlt sich in seiner gefangen wie in einer dickbauchigen, aber schlankhalsigen Bouteille.

Spätestens an der gleichen Augenhöhe zwischen sich und ihnen zu zweifeln begonnen hatte er, als er Anstalten machte, selbst diese Gourmetperspektive einzunehmen, sich für Fado, japanische Küche und indische Stellungen zu interessieren. Seine Liebhaberinnen gaben ihm unmissverständlich zu verstehen, dass sie lieber anatolisch geliebt werden wollten, seine Freunde, dass sein Güveç besser schmecke als sein Sushi, und als ihn der befreundete Rechtsanwalt einmal bei einem Wien-modern-Konzert erwischte, begrüßte er ihn mit den Worten „Was, du hier?“ Und das hörte sich mehr als ein Vorwurf als der Ausdruck echter Freude an. Bald musste Kemal seine Rolle in diesem Spiel erkennen: Er war nicht als Mitkonsument zum Kulturbüffet eingeladen, sondern als Teil des Büffets.

Nicht allen seiner fortschrittlichen Freunde bereitete Kemals neue Weltläufigkeit solche Probleme. Viele reagierten durchaus positiv darauf. Zu positiv. Und verrieten sich, wenn sie ihn weiteren Gourmets als einen „Kurden, der sich total für Jazz interessiert“, vorstellten. Plötzlich fühlte Kemal sich wie ein Laborschimpanse, der seine Leistungsgrenzen überschritten hatte.

Kemal ist wirklich ein großer Jazzfan. Da seine Eltern geschuftet haben, um ihm eine Mittelschulbildung zu ermöglichen, hatte auch er Zugang zu anderer Musik als türkischer. Er lernte Gitarre. Sein größtes Vorbild war John McLaughlin. Trotzdem spielt er Saz. Er hat es erst vor zehn Jahren gelernt. Warum? Weil er einmal mit seinen Jazzkenntnissen bei einer Österreicherin voll abgeblitzt ist. Sie ist dann mit einem Faschisten aus Kayseri gegangen, der ihr von früh bis spät Volkslieder vorgesungen hat. So beschloss auch Kemal, Türke zu werden, und wenn das nichts half, dann Kurde. Es war wie ein Wunder. Als er Elke aus Salzburg mit einer Jazzimprovisation auf der Saz beeindrucken wollte, zog sie die Stirn in Falten. Sofort wechselte er auf die drei üblichen Akkorde und jaulte irgendwelche aus der Erinnerung gefischen Textfragmente dazu. Noch in dieser Nacht gab sich ihm Elke hin. Kemal triumphierte. Zu viel. Denn er war dermaßen von seinem Aufrisserfolg berauscht, dass er sich, ganz Anatolier, in sie verliebte. Elke war eine sehr kämpferische Frau und bereit, ihn bis ans Messer vor den bösen Rassisten zu verteidigen. Was ihn jedoch etwas stutzig machte: dass sie ihn bewusst zu Orten zerrte, wo viele Rassisten verkehren, so als wollte sie es darauf ankommen lassen. Als sie Kemal einmal in einen Gastgarten mitschleppte, wo vorzüglich rechte Studenten zechten, und einer von denen sie anpöbelte, was so eine fesche Katz an dreckigen Ausländern finde, antwortete sie provokativ: „Weil Ausländer interessanter und besser im Bett sind als solche langweiligen Faschos wie ihr.“ Kemal musste aber schwer schlucken. Nicht nur weil ihn Elke damit ziemlich unter Leistungsdruck gesetzt hatte, sondern weil er seit seiner Geburt österreichischer Staatsbürger war.

Ihr seid solch eine kulturelle Bereicherung für uns!

Kemal hat die Erfahrung gemacht, dass die Ausländerfreunde, so nennt er sie, ihn umso mehr lieben, je kultureller er ist. Irgendetwas daran kommt ihm komisch vor. Die einen verachten ihn, weil er angeblich fremd ist, die anderen lieben ihn aus demselben Grund, die einen schimpfen ihn einen „dreckigen Tschuschen“, die anderen halten Vorträge über die Nachteile von zu exzessiver Hygiene, die einen sagen, er stinke nach gegrilltem Hammel, die anderen sprühen ihn mit Hammelgrillduft ein, weil er ihnen noch viel zu wenig danach riecht. Kurzum: Die einen wollen ihn am liebsten in das Istanbul zurückschicken, in dem er noch nie war, die anderen wollen, dass er ihnen unbedingt sein geliebtes Istanbul zeigt, obwohl er ihnen in Fünfhaus jeden Winkel zeigen könnte. Aber das interessiert sie nicht. Denn die einen werfen ihm vor, er wolle sich nicht an die österreichische Kultur anpassen, die anderen drohen ihm mit Liebesentzug, wenn er der türkischen Kultur untreu würde. Doch hat Kemal weder was mit der heimischen Kultur, wie sie sich die einen, noch mit der türkischen, wie sie sich die anderen vorstellen, etwas auf dem Hut.

Für Kemals Freunde ist die Welt ein Feinkostladen, und je reichhaltiger das Angebot, desto wohler fühlen sie sich darin.

So regt ihn am meisten jenes Argument auf, mit dem man seine Lebensberechtigung in diesem Land rechtfertigt, dass er und seinesgleichen, dass Menschen, die nicht seit 877 Jahren zwischen Lustenau und hier gesiedelt haben, als – jetzt kommt es ganz dick – kulturelle Bereicherung für diese Gesellschaft aufgefasst werden. Alle verwenden dieses Argument. Letztens bei der Vernissage dieser malinesischen Künstlerin, deren Bilder Kemal ziemlich mies findet, was nichts macht, weil sie wie er auch eine irrsinnig wichtige kulturelle Bereicherung für die ethnologische Shopping-Mall namens Österreich sein soll…  letztens also ist Kemal endgültig der Kragen geplatzt: „Zum Teufel mit eurer Bereicherung! Wann bereichert ihr endlich mich? Ha? Wir haben es satt, nur als Funktionsträger für euch ernst genommen zu werden und von früh bis spät ethnisch sein zu müssen. Ihr hasst das österreichische Ethnische und schmust mit allem fremden Ethnischen, aber selbst glaubt ihr metakulturell zu sein. Tagaus, tagein müssen wir für euch die Botschafter unserer Herkunftskulturen spielen, die Oberkellner im Ethnoressort, die Thai-Masseure für eure kulturellen Verspannungen! Wir sind Menschen und keine Exemplare einer seltenen Spezies, weder schlechtere noch bessere, wir haben es satt, die Brunnenmarktrequisite für euer Schöner Wohnen und die Komparsen für eure Aufgeschlossenheit zu spielen. Was ist mit den Tschuschen, die nicht levantinisch kochen und Rebetiko singen können? Mit denen, die nur Hilfsarbeiter sind und am Abend frustriert Fußball schauen? Die fallen bei der Audition für eure Bereicherung durch! Nicht wahr? Ihr bestimmt, wofür wir gut sind, wozu wir zu gebrauchen sind. Ihr definiert uns nach euren exotischen Wünschen. Wie bitte? Warum ich so sauer bin, ihr habt den Kemal ja so gerne? Gern könnt’s mich haben!“

Leere, fragende Blicke. Einige seiner Freunde weinten sogar. Er rannte aus der Galerie und musste auch weinen. Und hatte bald viele Freunde weniger. Die haben aber schnell Ersatz gefunden: Die Finissage würden sie mit Süreya und Yorgos feiern, weil die viel pflegeleichter und kultureller sind als er. Er selbst ist noch an diesem Abend in ein Beisl in seinem Heimatbezirk Fünfhaus gegangen und hat an der Bar Fritzi kennengelernt. Fritzi ist Installateur und hat nicht die geringste Ahnung von Kultur, er weiß weder, was ein Alewit, noch was ein Sunnit ist; er glaubt, dass Sushi, Maki und Sashimi drei Begriffe für einen Fraß sind, der ihm nicht schmeckt; und als er das Wort Fado hört, grinst er, weil ihm derselbe Wortwitz dazu einfällt wie jedem anderen auch. Als Teenager, erzählt Fritzi, war er sogar kurz mit einem kurdischen Mädel zusammengewesen, aber Kemal ist sich sicher, dass er damals mit ihr und nicht mit dem faszinierenden Schicksal ihres Volkes geschlafen hat. Nach dem dritten Bier hat Fritzi ihn gefragt: „Wie haaßt du, Oida?“ – „Kemal.“ – „I bin da Fritzi, Seavas.“

Vielleicht hat Kemal Fritzi in der Anfangseuphorie etwas überschätzt. Und wenn schon. Hauptsache, er spürt, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden könnte.


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