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Anna F.: „Einfach mal weg und was Neues ausprobieren“

06. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

Die junge steirische Songwriterin und Wahlberlinerin Anna F. erzählte WIENER VIELFALT von ihrem neuen Album und den Stimmen von außen.

Interview: Zoran Sergievski | Fotos: Igor Ripak

Anna, dein neues Album „King in the Mirror“ handelt ja vor allem von Einsamkeit und Entfremdung. Da ist etwa das Lied „Friedberg“. Man könnte dieses Stück als Schmähung deines Heimatorts verstehen...

ANNA (flüstert): … ist es aber nicht!

Warst du früher ein „black sheep“, ein schwarzes Schaf, wie du es in „Friedberg“ besingst?

ANNA: A bissl schon, weil ich schon immer ein bissl anders war, weil ich mich nie richtig zugehörig gefühlt hab‘ zu irgendeiner Clique jetzt. Weder zu den ganz Coolen, oder a ned zu den Braven. Mehr so in der Mitte irgendwo. Ich habe auch immer andere Interessen gehabt als die anderen Mädels. Also früher eigentlich – da habe ich mich für Fußball interessiert (lacht). Und für Eishockey. Puppenspielen oder irgendsowas, das war nie mein Ding. Ich habe früher auch schon heimlich Songs im Zimmer gespielt…

Wieso heimlich?

ANNA: Ja, weil mir war das total unangenehm. Also, ich hab‘ immer Angst gehabt, dass mich wer hört. Es war mir mega unangenehm, wenn dann wer zufällig bei der Tür reingekommen ist. Ich hab‘ das immer so heimlich aufgenommen, auf dem Kasettenrecorder. Und ja – also schon ein bissl „black sheep“.

Das Lied ist ja auch eine Ode an die Selbstbestimmung. Wer wollte zuletzt dein Leben bestimmen?

ANNA: Die Stimmen von außen. Also um das geht’s eigentlich in dem Lied, na, dass man wahnsinnig wird, Vincent Van Gogh kommt ja auch in dem Lied vor, als Bild für‘s wahnsinnig werden. Dass man zu sehr auf alles rundherum hört, seine eigene Stimme überhaupt nimmer hört, weil zu viel auf einen einprasselt.

Ihr habt ja auch viele Außenaufnahmen gemacht, das Video spielt ja in einem Wald, wo man frei ist – auch ein interessantes Motiv.

ANNA: Genau.

Bist du deshalb auch nach Deutschland gezogen? Beengt Österreich seine Künstler zu sehr?

ANNA: Ja, also ich habe das Gefühl gehabt, man kennt die ganze Szene, man kommt irgendwie nicht raus.

Ist sie vielleicht auch inzestiös?

ANNA: Ja. Schon. Teilweise. Genau. Auf jeden Fall. Es sind immer die gleichen Leute, mit denen man zu tun hat und die auch Entscheidungen treffen, die jetzt deine Karriere beeinflussen. Sei es, keine Ahnung, an irgendwelchen Stellen, die man braucht, um irgendwas zu machen. Und ich bin jetzt auch nicht der Typ, der probiert, sich gutzustellen mit irgendjemandem, damit da irgendwie was funktioniert oder so. Ja und ich hab‘ irgendwie Bock gehabt: einfach mal weg und was Neues auszuprobieren.

2010 hast du zur „Presse“ gesagt, dass du als Kind oft draußen warst; damit kommen wir zum Video zu „Friedberg“ zurück. Da tanzt du in einem Wald, und im Spot zum Titellied „King in the mirror“ stehst du mal unter einer riesigen Weide, dann spazierst du durch Straßen. Willst du ständig ausbrechen?

ANNA: Ich würde gerne ausbrechen, mehr noch. Irgendwas hält mich noch ein bissl zurück (lacht). Ja eh, das Außen eigentlicht, weil man immer nur nach außen denkt, was denkt der, der und der? Und, dass man das verliert und mal drauf scheißt und die Hosen runter lässt. Also ich drehe die ganzen Videos immer mit einem Freund von mir, ohne Licht, ohne Make Up… wir wollen einfach frei sein. Und dann habe ich eine Idee und rufe ihn an und sage „Hey, dreh‘ ma in 20 Minuten bitte…“

Und er so: „Ja, na gut“...

ANNA (gespielt genervt): „Ja, okay.“ Das war halt genau so bei „Friedberg“. Wir waren in Portugal und sind bei einem Wald vorbeigefahren, wir waren in Portugal drehen eigentlich. Und dann haben wir uns gedacht „Hey, bleib‘ ma kurz stehen da.“ Dann haben wir dort gedereht und quasi die Stimmen, die mich verfolgen, mit der Kamera sozusagen eingefangen.

Ein weiteres zentrales Thema auf dem Album ist ja Schein und Sein. Woher rührt denn dieser Schwermut?

ANNA (seufzt): Ja, ich hab‘ so eine Schwere in mir. Ja, auf jeden Fall. Woher die jetzt genau kommt, weiß ich eigentlich gar nicht. Also ich bin schon sehr eine „Worry Queen“ würde ich jetzt mal sagen (lacht). Es ist halt immer so das Thema bei „King in the mirror“ – viel mit Fremdbild, was ist das Selbstbild? Das beschäftigt mich halt sehr. Das zieht sich durch das ganze Album irgendwie.

Ich hebe das hervor, weil bei anderen Videos, Dokumentationen oder Videotagebüchern von dir auf Youtube, auffällt: du bist eigentlich schon ein fröhlicher Mensch...

Anna: Ja, ich habe das zu wenig zugelassen bis jetzt, habe ich das Gefühl, diese andere Seite von mir. Also grundsätzlich glaube ich, bin ich schon ein offener, fröhlicher Mensch, aber diese andere Seite, außer über die Musik ist die zu kurz gekommen.

Würdest du dich eigentlich auch als politische Musikerin betrachten? Die Nummer Underdog feiert ja dieses Außenseitertum.

Politisch wäre jetzt vielleicht zu weit gegriffen. Und das ist es im Moment eigentlich noch nicht. Das sind schon hauptsächlich persönliche Songs. Aber ich liebe „Underdog“. Also das ist, ja, genau das Anderssein. Warum muss man immer nach irgendwas, was alle toll finden, streben? Anderssein, ja. Das ist auch ein bissl so, wie ich mich gefühlt hab‘ früher.

Das Stück „Fools“ ist noch melancholischer.

Anna: Ja, das ist auch ein bissl politisch vielleicht.

Die Botschaft lautet ungefähr: „Wir sind alle Trottel, und wir wissen, dass unser Dasein eigentlich umsonst ist und wir halten uns das alle gegenseitig vor und wir sind noch ärgere Trottel, weil wir trotzdem weitermachen.“ Ist das nicht Schwarzmalerei?

ANNA (lacht): Ja, stimmt, vielleicht habe ich früher zu viel Samuel Beckett gelesen. Na ja, es ist eigentlich eh das, weil wir alle wissen, so kann‘s ned weitergehen, und es ändert sich aber nichts. Und ja, dieser Kreislauf, es ist eigentlich „Warten auf Godot“ (lacht). Na, ich kann schon ziemlich dark sein manchmal. Das ist zum Lachen eigentlich. Man weiß es. Aber niemand spricht‘s aus.

Das Fazit finde ich noch schlimmer als das mit den Trotteln...

ANNA: „We‘ll die lonely“?

Genau! Am Ende sterben wir eh alle einsam.

ANNA: Ja, das ist wieder das Ding mit dem Alleinsein, dass man eigentlich immer allein ist. Und egal, was man wo bei wem sucht, was man vielleicht bei sich selber vermisst, was man dort nie finden wird, weil man‘s eh nur in sich selber finden kann und eigentlich immer allein ist. Man kann zwar den Moment mit jemand anderem genießen, aber in Wahrheit ist man immer alleine.

Auf der CD gibt es noch einen krassen Kontrast zu all diesen negativen Tönen: nämlich das fast und doch noch nicht wirklich kitschige Liebeslied „We could be something“. Und doch ist da wieder das Drama...

ANNA (verschmitzt): Ja, das Drama brauch‘ ich als Musikerin manchmal, um Inspiration für neue Songs zu kriegen. Im Moment brauche ich das noch. Ich hoffe, dass es irgendwann vielleicht nimmer so sein wird, dass ich ein bissl ruhiger sein kann. Aber im Moment bin ich noch nicht an dem Punkt, glaube ich. Auf der Platte findet sich auch ein Cover von „Unbelievable“. Das habe ich mit Ian Dench, dem Gitarristen und Songwriter von EMF gemacht. Das ist ja ursprünglich deren Song. Mit Ian habe ich auch „King in the mirror“ und viele andere Sachen geschrieben. Irgendwann habe ich geträumt, dass ich „Unbelievable“ covern sollte. Dann wache ich in der Früh auf und denke „He, richtig geile Idee, wieso bin ich da nicht selber drauf gekommen? Weil, der Ian ist ein guter Freund mittlerweile.“ Dann bin ich ins Studio und habe zum Produzenten gesagt: „Hey, lass‘ uns den Song probieren.“

Was hast du weiter für 2014 geplant? Wird man dich vielleicht wieder auf der Leinwand sehen?

ANNA: Im April gehen wir auf Clubtour, im Sommer werde ich wahrscheinlich einen Film drehen. Also, da gibt’s ein paar Sachen, die mich interessieren würden, zwei, drei Kinofilme. Da werde ich zumindest einen machen.

Zur Person
Anna F. wurde am 18. Dezember 1985 in Friedberg, Steiermark, geboren. Heute wohnt und arbeitet die Musikerin in Berlin. 

Fotos: Igor Ripak


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