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Eine gute Idee alleine reicht nicht

11. September 2015 / von / 0 Kommentare

Selma Prodanović wird nicht umsonst die „Grande Dame“ der Start-up-Szene in Österreich genannt. Mit uns sprach sie über Business Angels, gute Ideen, risikoreiche Investments und die männlich dominierte Start-up-Szene.

Interview: JELENA GUČANIN  | Fotos: MICHAEL MAZOHL

WV:Was kann man sich denn unter dem Begriff „Business Angel“ vorstellen?

SELMA PRODANOVIĆ: Ein Business Angel ist eine Person, die ihre Erfahrung in die nächste Generation, also in Start-Ups, investiert. Grundsätzlich investiert ein Business Angel Geld, Erfahrung und Netzwerke. Ein Investor investiert „nur“ Geld. Es gibt genügend Statistiken, die zeigen, dass Start-Ups, die einen Business Angel an Bord haben, viel erfolgreicher sind als jene ohne.

WV:Wenn jetzt ein Start-Up zu Ihnen kommt – wie arbeiten Sie dann zusammen?

PRODANOVIĆ: Das ist sehr unterschiedlich und hängt von der Phase ab, in der sich das Start-Up gerade befindet. Es gibt keine festen Regeln. Grundsätzlich geht es darum, dass eine Person, die ein Unternehmen gründen möchte, schon etwas vorzuweisen hat. Eine gute Idee alleine reicht nicht. Die Idee ist natürlich sehr wichtig, aber die Wirtschaftswelt zeigt, dass es um die Umsetzung geht. Wenn man bedenkt, dass es Yahoo vor Google gab, und Google trotzdem erfolgreicher ist, liegt das eindeutig an der Umsetzung. Das Gleiche passierte mit MySpace und Facebook. Somit: die Idee ist wichtig, das Team und die Umsetzung sind aber wichtiger.

WV:Wie wissen Sie, ob es sich lohnt zu investieren?

PRODANOVIĆ: Grundsätzlich gibt es keine Sicherheiten. Jedes Investment ist ein Risk Investment.

WV:Gibt es Highlights und besondere Erfolge, auf die Sie stolz sind?

PRODANOVIĆ: Zum Beispiel das Webportal „whatchado“, in das ich investiert habe. Oder das Start-Up „updatemi“, das relevante Nachrichten für die NutzerInnen zusammenfasst, die „erdbeerwoche“, bei der es um nachhaltige Frauenhygiene geht. Ich finde es großartig, wenn junge Frauen Start-Ups gründen. Für mich ist es aber vor allem diese Gesamtheit, die wirklich schön ist. Das, was mich interessiert hat, ist: wie können wir es schaffen, ein Ökosystem für Start-Ups zu schaffen? Ich habe etwa gemeinsam mit Stefanie Pingitzer und Hansi Hansmann die Austrian Angels Investors Association (AAIA) gegründet. Damit haben wir die ganze Business Angel-Bewegung in Gang gebracht.

WV:Die Start-Up-Szene ist also ein zu stark männlicher dominierter Bereich?

PRODANOVIĆ: Ja, absolut. Aber das soll uns nicht aufhalten. Wenn wir eine Diversität an Start-Ups haben wollen, dann müssen wir auch eine Diversität an InvestorInnen haben. Für mich persönlich ist Entrepreneurship eine Lebensphilosophie, die eine positive, lösungsorientierte Denkweise beinhaltet. Ich will die Menschen motivieren, mehr an sich selbst zu glauben und das eigene Potenzial weiterzuentwickeln. An seine Grenzen zu gehen.

WV:Sehen Sie in Wien Veränderungen in der Start-Up-Szene?

PRODANOVIĆ: Als wir vor einigen Jahren angefangen haben, gab es gar nichts. Wir waren sozusagen eine Handvoll Verrückte. Heute ist einfach so viel los, dass ich absolut die Kontrolle verloren habe und das ist wunderbar. Es hat sich wirklich sehr schön entwickelt. Auch eine „Vienna Business Week“ wäre vor vier, fünf Jahren nicht möglich gewesen. Jetzt gibt es eine kritische Masse, die dazu führt, dass Sachen passieren und entstehen. Von der Politik gibt es auch mehr Wahrnehmung und Unterstützung, etwa das neue Crowdfunding-Gesetz. Das sind Entwicklungen der letzten fünf bis sechs Jahre. Wir waren zwar spät dran, haben aber super aufgeholt.

Haben Sie drei konkrete Tipps, die Sie jungen GründerInnen geben können?

PRODANOVIĆ: 1. Wissen, was man will; 2. Das eigene Team finden; 3. Hinaus gehen und darüber reden. Die Idee muss mit vielen Menschen geteilt werden. Es ist ganz wichtig, über die Idee zu sprechen und diese auch tatsächlich umzusetzen. Zwischen einer Idee und der Umsetzung liegen Welten.

WV:Wenn jetzt jemand ein Unternehmen gründen will und 500.000 Euro braucht – woher bekommt man dieses Geld?

PRODANOVIĆ: Dass sie überhaupt in die Situation kommen, dass sie das Geld brauchen, müssen sie schon etwas entwickelt haben. Sie gehen dann zu Austrian Startup Events, zu Coworking Spaces, zu verschiedenen Veranstaltungen. Wenn sie das strategisch machen, dann werden sie die richtigen Leute kennenlernen. Auch über das Netzwerk der Austrian Angels Investors Association (AAIA) kann man Investoren kennenlernen. Ich glaube nicht an Gründer, die von heute auf morgen erfolgreich geworden sind.

WV:Was halten Sie von Fernsehshows wie „Shark Tank“, wo GründerInnen auf InvestorInnen treffen?

PRODANOVIĆ: Ich selbst war Teil der Jury von „2 Minuten 2 Millionen“ auf Puls4 und finde solche Sendungen wichtig und notwendig. Es ist natürlich eine Show und dessen muss man sich bewusst sein. Aber diese Massenwirkung, die eine Fernsehsendung hat, können wir auf herkömmlichem Weg nie erreichen. Und es hat reale Auswirkungen: In der ersten Staffel wurden tatsächlich mehr als zwei Millionen investiert – das ist echtes Geld, das geflossen ist.

WV:Wie ist es nach der TV-Sendung weitergegangen?

PRODANOVIĆ: Einige Start-Ups haben sich sehr gut entwickelt, andere sind noch am Weg dorthin. Es ist wirklich sehr unterschiedlich. Nicht jedes Start-Up ist für jeden Investor geeignet. Absagen sollte man nicht persönlich nehmen.

 

Mehr dazu auf www.viennabusinessweek.at


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