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Die Wiener Start-up Szene: Ein Markt mit Potential

11. September 2015 / von / 0 Kommentare

Die Wiener Start-up Szene boomt. Wir sind dem neuen Wirtschaftstrend auf die Spur gegangen und haben mit vier Wiener GründerInnen über ihren Werdegang in der heimischen Szene gesprochen.

Story: Bianca Drobny | Fotos: Marija Jociute, Igor Ripak

Was macht ein Start-up so attraktiv? Und unterscheidet sich ein Start-up überhaupt von einem konventionellen Unternehmen? Die Antwort lautet: Ja, das tut es. Start-ups weisen ganz bestimmte Charakteristika auf, die sie von anderen Gründungsformen deutlich abgrenzen. So hält die von der Wirtschaftsagentur Wien und der Wirtschaftskammer Wien in Auftrag gegebene Studie „Start-up Location Wien“ fest, dass Start-ups auf neuen Geschäftsmodellen basieren, innovativ, technologieaffin und stark wachstumsorientiert sind. Es ist daher wenig verwunderlich, dass sie vor allem in der IT-, Medien-, Life Sciences- und Technologiebranche sowie in der Kreativwirtschaft zu verorten sind. Christoph Jeschke, Geschäftsführer der Plattform AustrianStartups, erkennt in diesen neuen Geschäftsmodellen eine Abkehr von traditionellen Strukturen und einen Wertewandel in der Generation junger Erwachsener: „Immer mehr junge und erfahrene Personen lehnen die klassische und althergebrachte Corporate Culture mit vorgegebenen und alten Arbeitsmustern ab. Sie wollen ihr eigenes Ding machen, alte Denkweisen durchbrechen und ihr eigener Boss sein.“

Sich selbst verwirklichen

Der eigene Chef sein, das wollte auch Daniel Marischka und gründete zusammen mit Schulkollegen aus der HTL die Smart Home Lösung Flatout Technologies. „Der Gedanke, selbstständig werden zu wollen, kam mir in New York. Ich war hier im Zuge meines Studiums an der FH Krems und stellte fest, dass fast jeder in einer Art selbstständig tätig war – und das wollte ich dann auch sein.“ Zurück in Wien hatte Daniel die passende Idee. „In meiner Bachelorarbeit thematisiere ich den Seminarraum der Zukunft. Einer der Outcomes war die Automation der Seminarräume, um für die Teilnehmer ein besseres Wohlbefinden zu erzeugen. Ich habe mir dann gedacht: Wieso nur Seminarräume? Man könnte auch den eigenen Wohnraum automatisieren, um mehr Wohlbefinden zu erlangen.“ Das war Ende 2011. Nach einem Jahr intensiver Auseinandersetzung mit der Thematik, der Suche nach einem geeigneten Team und den Vorbereitungen, die für eine Unternehmensgründung notwendig sind, wurde Flatout Technologies im Februar 2013 schließlich offiziell gegründet.

 

 

Finanziell geholfen haben den Neo-Gründern zu Beginn vor allem Förderungen, wie etwa durch AWS und das Gründerprogramm von INiTS. Stillstand darf es in der schnelllebigen Start-up Szene aber keinen geben. Das rund 10-köpfige Team arbeitet stetig an der Expansion der Marke, um neben Österreich und Finnland langfristig auch noch andere Wirtschaftsstandorte zu erobern. „Wir sind speziell auch am asiatischen Markt aktiv, um hier Kunden zu akquirieren. Vor allem in der IT Branche ist es notwendig, global zu denken. Wenn man nicht global auftritt, hat man kaum Chancen, Investoren zu bekommen“, so Daniel.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit führt viele GründerInnen in den Start-up Bereich. Die Zahlen sprechen hier für sich: Laut der „Start-up Location Wien“-Studie waren im Jahr 2013 7,6% aller Gründungen Start-ups. Zum Vergleich: 2010 waren es nur 5,2%. Die Wiener Start-up Szene wächst also kontinuierlich und muss sich – wie die Studie ebenfalls aufzeigt – nicht hinter der hippen Berliner Start-up Community verstecken.

Mehrwerte generieren

Bei Bettina Steinbrugger und Annemarie Harant war es genau umgekehrt. Die beiden Gründerinnen der erdbeerwoche hatten zuerst eine Vision – und haben mit ihren Produkten zu nachhaltiger Frauenhygiene den Puls der Zeit getroffen. „Wir sind über eine Pressemeldung zum Thema Bio-Tampons eher zufällig in diesen Bereich gestolpert. Obwohl wir beide aus der Nachhaltigkeits-Branche kommen und viele Unternehmen, die nachhaltige Produkte entwickeln oder nachhaltige Dienstleistungen anbieten, kennen, haben wir festgestellt, dass dieser Bereich völlig ausgeklammert wird.“ Diese Nische haben sie genutzt. „Durch Recherchen haben wir festgestellt, dass es zu den konventionellen Produkten wirklich nachhaltige Alternativen gibt: Bio-Tampons, Bio-Binden und auch wiederverwendbare Produkte, aber niemand kennt sie. So haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, hier Aufklärungsarbeit zu leisten“, hält Bettina fest.

 

 

Ihre Artikel für eine nachhaltige Frauenhygiene haben sie zunächst im kleinen Rahmen, etwa bei Messen, verkauft. Erst 2013, rund zwei Jahre nach der Unternehmensgründung, haben sie mit dem Verkauf über ihren Online-Shop begonnen. Die Produkte beziehen sie von ausgewählten Herstellern und ausschließlich aus dem EU-Raum. Durch die kurzen Lieferwege können sie so auch im Vertrieb einen ökologischen Impact gewährleisten. Auch ein langsames, dafür aber nachhaltiges Wachstum war den beiden Gründerinnen immer wichtig. „Am Anfang hat jede von uns eine kleine Summe eingelegt, damit wir starten konnten. Wir haben dann ziemlich schnell begonnen, uns aus den Verkäufen der Produkte zu finanzieren und diese Einnahmen in das Unternehmen zu reinvestieren.“ Ihr Plan ist aufgegangen: Nach Österreich und Deutschland wollen sie ab dem nächsten Jahr sukzessive weitere Märkte erschließen und auch mit potentiellen Investoren werden bereits Gespräche geführt. So einfach wie es klingen mag, ist die Finanzierung eines Start-ups in der Realität freilich nicht. Ein Unternehmen kann nicht allein auf dem Wunsch nach Selbstverwirklichung bestehen. Hinter dem glanzvollen Begriff „Start-up“ steckt viel harte Arbeit. Das reicht von Steuererklärungen und Finanzen über juristische Agenden bis hin zu einer unausgeglichenen Work-Life-Balance. Die Probleme sind vielfältig und sie sind nicht nur Bettina und Annemarie, sondern wohl allen Start-up GründerInnen mehr als bekannt.

Turbulenter Alltag

„Das Start-up Leben ist vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt: Auf ein Hoch folgt ein Tief und darauf wieder ein Hoch – oft alles innerhalb einer Woche,“ bestätigt Katharina Klausberger den Alltag von Start-up GründerInnen. Zusammen mit Armin Strbac, den sie bereits seit der gemeinsamen TGM-Schulzeit kennt, hat sie die Flohmarkt-App Shpock ins Leben gerufen. 2012 auf den Markt gekommen, hat die App mittlerweile mehr als 10 Millionen User. Doch ohne die Erfahrungen aus ihrem Vorgängerprojekt finderly, einer Produktempfehlungsplattform für elektronische Geräte, wäre der große Erfolg von Shpock wohl kaum möglich gewesen. Finderly war für die Ansprüche und die Bedürfnisse der Smartphone-User nicht mobil genug. Eine neue Lösung musste geschaffen werden – so entstand die Idee zu Shpock. Und hier haben sie ihr Konzept von Grund auf geändert: „Während wir bei finderly vorab hunderte Funktionen entwickelt und ein dickes Pflichtenheft geschrieben haben, haben wir uns bei Shpock auf das Wesentliche konzentriert. Ein Produkt einzustellen sollte im Smartphone-Zeitalter 30 Sekunden und keine 10 Minuten dauern.“ Den großen Erfolg führt Katharina aber nicht alleine auf eine gute Idee, sondern vor allem auf das Team in einem Start-up zurück: „Mit viel Ehrgeiz und Herzblut treibt unser geniales Team die App jeden Tag voran.“

 

 

Teamarbeit ist ein zentraler Faktor

Auch David Savasci bekräftigt, dass die Arbeit an einem Start-up in erster Linie Teamarbeit ist. „Das allerwichtigste ist definitiv das Team. Jeder der Founder muss über alle Ohren motiviert sein und eine gemeinsame Vision verfolgen.“ Wie alle anderen Start-up GründerInnen will auch David mit seinem Geschäftsmodell die Menschen im Alltag entlasten und gleichzeitig ihre Bedürfnisse abdecken. Zuper ist ein persönlicher Einkäufer, mit dem man online aus über 15.000 Artikeln verschiedenster Supermärkte auswählen kann. Die Einkäufe werden dann direkt nach Hause geliefert. „Ein Start-up erfolgreich zu führen ist eine lange, schwierige Reise. Es gibt ständig neue Herausforderungen, Probleme müssen rasch gelöst werden, um das Momentum zu halten. Wenn das Team aber ein gemeinsames Ziel verfolgt und Vollgas gibt, kann nur noch sehr wenig vom Erfolg abhalten“, ist sich David sicher. In der heimischen Szene sieht er großes Potential. „Die Wiener Start-up Szene ist stark wachsend. Das Schöne ist, dass sich alle untereinander kennen und sich jeder gegenseitig hilft.“

 

 

Der Standort Wien

Dass die Wiener Start-up Szene lebendig ist, darin sind sich alle Start-up GründerInnen einig. Die Stadt befindet sich in einer Aufbruchsstimmung und etabliert sich kontinuierlich als wirtschaftlich relevanter Standort. Hierfür sind mehrere Faktoren ausschlaggebend. Neben vielen Förderstellen unterstützen auch Plattformen wie AustrianStartups und das Pioneers Festival Menschen bei ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Andreas Roettl, CMO des Pioneers Festival betont: „Wien bietet gut ausgebildete Leute, eine große Förderlandschaft, eine überschaubare, aber sehr familiäre Community und gute Coworking Spaces. Mit seiner zentralen Lage in Europa ist es einfach, von hier aus viele Kunden zu erreichen.“ Allerdings muss sich in Wien auch noch einiges ändern, um im internationalen Vergleich langfristig bestehen zu können. „Die Konkurrenz in einer globalen Welt schläft nicht und wenn Wien sich hier etablieren möchte, müssen wir den Boden für Startups grundlegend verändern. Einfachere Gründungen und Gewerbeanmeldungen, einfachere Behördenwege, Anreize für Investments sowie eine Reformierung der Steuerpolitik gegenüber Start-ups zu Beginn der Gründung“, so Andreas weiter. Wien blickt gespannt in die Start-up Zukunft.

 


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