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Die Wiener müssen ein bisschen höflicher werden!

20. September 2016 / von / 0 Kommentare

Interview: Dino Schosche / Fotos: Michael Mazohl

Ramesh Nair wurde als „Der Inder“ (Testimonial für einen Mobilfunkanbieter) berühmt. Doch hinter der Werbefigur steckt ein vielseitiger Künstler, der als Sänger, Tänzer, Choreograph und Bühnendarsteller die österreichische Kulturlandschaft bereichert. Beim Mittagessen sprachen wir mit Ramesh über künstlerisches Zwangsverhalten, das Besondere an Musicals und die politische Wandlung.

WV: Kochst du eigentlich gerne?
RAMESH: Ab und zu. Ich kann ein Curry, aber das ist nicht wirklich ein indisches Curry. Ansonsten mache ich den Kühlschrank auf, schaue was da drinnen ist und wurschtle etwas zusammen.

WV: Du bist ein österreichischer Promi aber…
RAMESH: Promi zu sein bedeutet mir nicht viel. Ich finde das eigentlich ganz gut, wenn man unerkannt ist.

WV: In deinem Fall sehr schwer.
RAMESH: Ja, ganz schwer. Aber vielleicht ändert sich das. Die Telering Kampagne hat ja aufgehört, nach acht Jahren. Und natürlich dauert das noch 700 Jahre bis Österreich mich vergessen hat (lacht).

WV: Würdest du gerne wieder ein Testimonial sein?
RAMESH: Es ist immer ein Fluch und ein Segen. Es ist schon unangenehm, wenn du an der Kassa stehst und die Kassiererin sagt „Oh schau mal wer da ist!“ und der ganze Laden kommt zusammen. Ich kann mir auch seit zwei Jahren keine Gesichter und Namen mehr merken, weil ich so viele Menschen kennengelernt habe. Manchmal spricht mich jemand auf der Straße an und sagt „Hey, lange nicht gesehen!“ und obwohl ich keine Ahnung habe wer das ist, unterhalten wir uns sehr gut. Wenn ich weitergehe drehe ich mich noch einmal um und sehe, dass die Person realisiert, dass sie mich aus der Werbung kennt. Das Naheverhältnis ist scheinbar so eng, dass die Person glaubt mich persönlich zu kennen.

WV: Wie viele „Inder-Selfies“ hast du denn schon gemacht?
RAMESH: (lacht) In acht Jahren kommt da einiges zusammen. Also 10.000, 15.000, ca.

WV: Also hat die Kampagne hat gewirkt…
RAMESH: Der Inder war deshalb so markant oder so präsent, weil es einerseits eine innovative Idee war, aber andererseits auch, weil ich der einzige dunkelhäutige Farbklecks im österreichischen Fernsehen war. Ich habe mir eigentlich gewünscht, dass das eine größere Welle auslöst, dass sich mehr Firmen trauen, ein ausländisches Testimonial zu besetzen um das Fernsehen ein bisschen bunter zu gestalten. Und das ist nicht wirklich passiert.

WV: Du bist in Deutschland, in Landau in der Pfalz, geboren und aufgewachsen. Und Pfälzer Spezialitäten sind u.a. Fleischknöpfe, Bratkartoffeln, Gulasch, Sauerkraut und Bratwürste. Also, in Wien vermisst du die Pfälzer Küche eher nicht?
RAMESH: Lustig, dass du das gegoogelt hast. Also die Fleischknöpfe esse ich nicht, Nürnberger Bratwürste essen wir viel, also die kleinen und Gemüse mit Kotelett und Rotkraut…

WV: Und warte jetzt kommt’s: Grumbeersupp un Quetschekuche! Kartoffelsuppe mit Zwetschkenkuchen?
RAMESH: Genau, total lecker!

WV: Mit und nicht danach?
RAMESH: Nein, das isst man sogar dazu. Meine Mutter macht den besten Quetschekuche und tatsächlich ist das eine Spezialität, dass man das mit Kartoffelsuppe isst, was auch nicht so absurd ist. Ich esse zum Beispiel auch gerne ein Käseweckerl mit Marmelade. Süß und deftig passt ganz gut zusammen. Ich vermisse diese Küche teilweise… Ich finde prinzipiell die österreichische Küche ist für mich, jetzt muss ich aufpassen was ich sage, aber so ein Stück langweilig. Also wenn ich etwas bestelle, muss ich es sofort salzen und pfeffern bevor ich es koste, weil für meinem Gaumen, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, ist es einfach zu fad.

WV: Und ich nehme an in Indien wird Wasser zum Essen serviert statt Salz und Pfeffer?
RAMESH: (lacht) Also in Indien muss ich schon aufpassen, auch wenn ich hier in ein indisches Restaurant gehe, sehen sie mich als Inder und fragen ob medium oder spicy und wenn ich da medium sage…

WV: Dann ist es spicy…
RAMESH: Ja dann kann ich es nicht mehr essen.

WV: Stehst du lieber auf der Bühne oder machst du lieber TV-Projekte?
RAMESH: Es sind zwei komplett unterschiedliche Sachen. Auf der Bühne ist der Live-Kontakt mit den Zuschauern toll. Kamera wiederum ist für mich eine andere Herausforderung, man muss viel feiner die Emotionen transportieren und es macht auch Spaß, aber du kriegst kein sofortiges Feedback.

WV: Und wenn es um Comedy geht, dann musst du dir noch zusätzlich die Reaktion des Publikums vorstellen.
RAMESH: Richtig, du kennst dich aus (lacht). Ich möchte mehr Dinge tun, wo mein Herz aufgeht. Ich habe Schauspiel, Gesang und Tanz studiert, weil ich das aus Leidenschaft einfach gerne mache. Weil mein Hobby mein Beruf ist.

WV: Jetzt eine Klischeefrage: Sind die Deutschen witziger als die Österreicher?
RAMESH: (lacht) Man kann den österreichischen Humor mit dem deutschen nicht vergleichen. Wer lustiger ist, kann ich nicht sagen. Es gibt ganz großartige österreichische Kabarettisten, wie den Niavarani oder Viktor Gernot, und ich bin ein Riesenfan von Martina Hehl und Anke Engelke, die sensationell sind, jede auf ihre eigene Art und Weise. Es gibt so viele unterschiedliche Formen von Humor für die man offen sein sollte und das bin ich auch.

WV: Du hast gerade das Musical „Footloose“ in Amstetten inszeniert und auch als Choreograf ganze Arbeit geleistet. Publikum und Presse sind begeistert. Was fasziniert dich an Musicals?
RAMESH: Ich habe schon als kleiner Junge immer gerne die Filme von Fred Astaire und Gene Kelly angeschaut. Dazu habe ich mir von Bierflaschen den Deckel genommen, sie mit Tixo um meine Schuhe gebunden und habe dann im Wohnzimmer gesteppt. Meine Mutter hat mich dann in der Ballettschule angemeldet. Und da dachte ich immer, dass ich Tänzer werde. Bei einem Casting in der Schule wurde ich dann für ein Musical genommen und habe Blut geleckt. Es ist die Kombination aus Singen, Tanzen und Spielen. Wobei ich in den letzten zwei Jahren gemerkt habe, dass ich auch Phasen habe. Es gibt Phasen wo ich gerne nur spiele und deswegen ist mein Tätigkeitsfeld sehr breit gefächert. Man taucht in eine andere Welt ab.

WV: Für Normalsterbliche schaut das eher nach Zwangsverhalten aus, wenn man sich als Künstler in sehr vielen Bereichen ausdrückt…

RAMESH: Ich sage oft, dass das Hobby mein Beruf ist und das ist ein großer Glücksfall für mich. Man muss mich nicht dazu zwingen, weil mein Herz dafür schlägt. Es gibt sogar Jobs die ich mache und ich fühle mich danach schlecht, dass ich dafür Geld bekomme weil es mir so viel Spaß gemacht hat. (lacht).

WV: Aber sehr oft sprichst du in den Medien über Erfolgsburnout.
RAMESH: (lacht) Es kommt darauf an wie die Presse das berichtet… Ich hatte mit 29 das erste Mal so ein Stressherz bekommen. Das ist wenn du so viel arbeitest und in den Ruhepausen im Herz so ein leichtes Stechen hast. Man muss einfach aufpassen, weil dieser Kreativzwang dich dazu drängt dass du einfach mehr machst.

WV: Sport als Ausgleich, nichts für dich?
RAMESH: Ich hatte schon einen Schweißausbruch bei der Frage (lacht).

WV: Du hast mal gesagt, in Wien bist du der Inder, in Amstetten bist du der Theatermensch. Haben die Amstettner keinen Fernseher?
RAMESH: (lacht) Doch natürlich aber in Amstetten verbindet man mich gleich mit dem Musicalsommer. In Wien ist es oft so, dass die Leute sehr überrascht sind, wenn sie hören, dass ich singe, tanze oder in einem Kinofilm mitspiele. 2009 war das ein bisschen für mich die Möglichkeit als ich bei Dancing Stars war, zu zeigen: wer ist der Mann unter dem Turban? Das war auch die Zeit, wo ich zum ersten Mal angesprochen worden bin auf der Straße mit Herr Nair oder Ramesh und nicht Inder, was für mich eine sehr schöne Veränderung war.

WV: Was ist denn dein Lieblingstanz?
RAMESH: Rumba. Es geht immer beim Tanzen ums Gefühl, aber wenn man sich die Zeit nehmen kann wie bei der Rumba dann macht das ganz besonders Spaß. Das sind eigentlich nur ganz wenige Schritte aber die muss man besonders gut können.

WV: Sagen die Tänze etwas über die Bevölkerung aus? Also zum Beispiel der Walzer über Österreich, sehr diszipliniert und präzise?
RAMESH: Die Österreicher sind da eher ein bisschen gemütlicher, sagt man.

WV: Braucht man einen gemütlichen Walzer?
RAMESH: Man braucht einen höflichen Walzer, die Wiener müssen ein bisschen höflicher werden. Man kann das natürlich nicht pauschalisieren. Aber als ich nach Wien gekommen bin ist mir als erstes aufgefallen, dass die Leute granteln und sehr negativ sind. Und dass sie sich darin gefallen, zu jammern. Ich würde gerne mehr Menschen dazu animieren, sich lächelnd zu begegnen.

WV: Ich habe gewartet bis wir mit dem Essen fertig sind um diese letzte Frage zu stellen: Hast du einen Favoriten bei der Wiederholung der Präsidentschaftswahl?
RAMESH: Habe ich, den Van der Bellen natürlich.

WV: Und warum?
RAMESH: Für mich ist diese ganze politische Wandlung im Land, auch in Deutschland, sehr erschreckend. Erschreckend ist auch, wie viele engstirnige Menschen plötzlich in deinem Umfeld auftauchen. Das System ist dabei so klar durchschaubar. Da ist einer, der am lautesten schreit. Der stellt sich vorne hin, hat den günstigsten Zeitpunkt abgewartet zum Schreien, grad in der großen Flüchtlingskrise. Er trifft den Ton, der den Frust der Menschen anspricht, die nicht weiter hinterfragen, und alle rennen hinterher. Das macht einem Sorgen. Ich bin ein sehr weltoffener Mensch, deswegen wäre ich eher für einen weltoffenen Präsidenten.

WV: Wie denken die Menschen in deiner Heimatstadt in Deutschland über die derzeitige österreichische Politik?
RAMESH: Die österreichische Politik ist in aller Munde, nicht nur in Deutschland. Wobei sich Deutschland mal an die eigene Nase fassen sollte, mit der AfD passiert da momentan genau das Gleiche. Man kann es ja nur erahnen wie das dann ausgeht, wenn die Grenzen dicht gemacht werden, das Schengen Abkommen verschwindet, oder man dann wirklich überlegen muss bleibt man noch hier oder nicht. Das kann ganz schnell gehen und man weiß nicht was da los ist. Und die letzten Jahre, das ist wie so eine dunkle Welle, die auf einen zugerollt ist, und plötzlich ist sie ganz nah.

WV: Hast du in letzter Zeit je daran gedacht, dass es gut ist, dass du jemanden in Deutschland hast? RAMESH: Aus anderen Gründen. Ich will mal nach Deutschland gehen, aber weiterhin meine beruflichen Kontakte hier halten und zum Arbeiten herkommen, so 2-3 Mal im Jahr. Einfach, weil ich mich um ein privates Miteinander kümmern möchte. Hier bin ich sehr zurückgezogen aufgrund der Bekanntheit und ich merke, dass mir das ein bisschen fehlt. In Deutschland könnte ich einfach ich selbst sein.

WV: Wo kann man Dich in nächster Zeit live auf der Bühne sehen?
RAMESH: Ich gehe jetzt ein bisschen auf Tournee mit Voices of Musical, aber viel spannender ist das Musikkabarett von Lukas Perman und mir, mit dem Titel „The Gentlemen of Swing“ am 7. November im Wiener Metropoltheater. Das ist mit Live-Band und Songs von Sinatra, Michael Bublé, Sammy Davis, Cicero und einer sehr lustigen Geschichte unter der Regie von Andy Hallwaxx.

WV: Und wir bekommen Karten?
RAMESH: Aber natürlich (lacht).


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