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Die Trennung mit 10 Jahren ist einfach zu früh

25. Januar 2016 / von / 0 Kommentare

Wir sprachen mit Bildungsstadträtin Sandra Frauenberger über Bildungsgerechtigkeit, notwendige Reformen und die Gesamtschule.

Foto: Igor Ripak

WV: Mit der Neuauflage von Rot-Grün sind Sie ab nun für das Ressort Bildung zuständig. Welche Bereiche stehen ganz oben auf Ihrer Agenda?

FRAUENBERGER: In der Stadt Wien betrachten wir Bildung ganzheitlich, vom Kindergarten über die Schule und die Jugendarbeit bis zur Erwachsenenbildung in den Wiener Volkshochschulen. Mein Ziel ist es, dass in Wien jedes Kind die beste Bildung erhält, egal woher die Eltern kommen oder wie viel sie verdienen.

WV: Sie möchten „Bildungsgerechtigkeit“ herstellen. Wie gerecht bzw. ungerecht ist die Schulpolitik derzeit?

FRAUENBERGER: Leider wird Bildung in Österreich immer noch stark vererbt, das hat uns auch gerade eine OECD-Studie bestätigt. Vor allem die Entscheidung zwischen dem Gymnasium und der Neuen Mittelschule mit 9 Jahren ist eine viel zu frühe Lebensentscheidung. Wer in die AHS geht, schließt viel wahrscheinlicher ein Uni-Studium ab, als jemand der eine Neue Mittelschule besucht hat.

WV: Dieses Vorhaben erfordert grundlegende Reformen. Wie sollen diese aussehen?

FRAUENBERGER: Wir müssen unsere Kinder fördern und schon im Kindergarten damit anfangen, Stärken zu stärken und Schwächen zu schwächen. Wir verdoppeln deswegen die Anzahl der Sprachförderung im Kindergarten, denn gute sprachliche Kenntnisse sind die Basis für die Bildungslaufbahn. Wir wollen den Wechsel vom Kindergarten in die Volksschule außerdem erleichtern, weil diese Schnittstelle eine große Herausforderung für die Kinder ist.

WV: Haben Sie einen Zeitplan, wann Gerechtigkeit im Sektor Bildung erreicht werden könnte?

FRAUENBERGER: Im Regierungsübereinkommen haben wir wichtige Projekte vereinbart, die ich in den nächsten fünf Jahren umsetzen werde. Ich hoffe, dass wir danach der Gerechtigkeit ein Stückchen näher gekommen sein werden.

WV: Sie sagen, dass die Entscheidung über die weitere Schulkarriere mit 9 Jahren zu früh ist. Was aber passiert mit den SchülerInnen nach der Gesamtschule, speziell mit jenen, die den Sprung in die AHS Oberstufe nicht schaffen?

FRAUENBERGER: Für Schülerinnen und Schüler gibt es neben der AHS Oberstufe nach der Unterstufe (also der Sekundarstufe 1) viele Möglichkeiten, ihre Bildungslaufbahn fortzusetzen. Es gibt tolle Lehrstellen und Berufsbildende Höhere Schulen, wo Jugendliche eine qualitätsvolle Ausbildung machen können. Wichtig ist, dass die Trennung mit 10 Jahren einfach zu früh ist. Wenn ich mich da an meine beiden Söhne erinnere, war das keine leichte Entscheidung. Je später, desto deutlicher sind Talente und Interessen ausgeprägt.

WV: Die Gesamtschule solle „so attraktiv“ sein, dass sich Eltern und ihre Kinder bewusst für die Gesamtschule entscheiden. Was verstehen Sie hierunter? Was muss die Gesamtschule hier anbieten?

FRAUENBERGER: Mir geht es bei der Gesamtschule nicht um das Türschild, sondern darum, dass Kinder die beste Bildung nach modernen pädagogischen Standards erhalten. Wenn wir an unsere Schulzeit denken, haben wir ein Bild von Frontalunterricht und schwierigen Prüfungen vor dem Auge. Tatsächlich gestalten unsere Lehrerinnen und Lehrer der Neuen Mittelschule Unterricht mittlerweile ganz anders: mit Projektunterricht, Sprachförderung und Kreativeinheiten. Diese pädagogische Vielfalt gilt es vor den Vorhang zu holen und zu zeigen, dass Lernen Spaß machen kann. Wenn es uns gelingt, dass wir diese Erfolgsrezepte der Gemeinsamen Schule aufzeigen können, wird das die bevorzugte Schulform in Wien sein.

WV: Nicht jeder steht der Gesamtschule gänzlich oder gar positiv gegenüber. Wie können Sie in Ihrer Funktion diese Bedenken zerstreuen?

FRAUENBERGER: Die meisten europäischen Länder haben ein Gesamtschulsystem, weil es für die Schülerinnen und Schüler das Beste ist. Wie gesagt, hat in diesem pädagogischen Konzept Frontalunterricht keinen Platz, sondern individuelle Förderung und Teamarbeit. Dabei profitieren Kinder aller Entwicklungsstufen vom gemeinsamen Lernen. Die Gemeinsame Schule wird sich außerdem positiv auf das Zusammenleben und den sozialen Zusammenhalt auswirken. Alle Kinder verdienen die gleichen Chancen, unser Bildungssystem muss das ermöglichen können.

 


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