Sohyi Kim

Leseprobe von Starköchin Kim Sohyi: Die Möglichkeiten

21. Dezember 2013 / von / 0 Kommentare

von Kim Sohyi

Ich war in Korea wie eine Pflanze in einem Glashaus, gegossen und gedüngt. Ich hatte wenige Ideen, wo es lang gehen und was aus mir werden sollte, vielleicht wie bei den meisten jungen Menschen.

Als ich nach Österreich kam, wurde alles anders. In meiner neuen Heimat kam ich zur eigentlichen Blüte und konnte mich entfalten. Ich sehe das so: Es gibt Stufen mit kleinerer Höhe, Stufen mit mittlerer Höhe und auch Stufen mit größerer Höhe, aber über alle diese kann ich aufsteigen. Und es  gibt es manchmal Stufen, wo ich mir denke: „Kann ich sie überhaupt überwinden?“

Ich frage mich dann: „Brauche ich das? Muss ich das? Was zwingt und fordert mich?“ Wenn ich oben angekommen bin, denke ich mir, dass ich es wieder einmal geschafft habe. Es werden immer neue Stiegen kommen und ich werde die Herausforderung annehmen. So viele Stiegen galt es schon  in meinem Leben zu überwinden, für die es Mut, Überwindung und Reiz brauchte.

Ich bin durch Zufall nach Österreich gekommen, das war wirklich nicht geplant. Ich bin in Korea geboren und in der Stadt Pusan aufgewachsen. Ich war ein richtiges Stadtkind, hatte vom Land und Landwirtschaft gar keine Ahnung, so war ich daher auch lange der festen Meinung, dass der Reis am „Reisbaum“ wächst, von dem einzelne Kerne herunter falle. Ich war immer ein fröhliches Kind, obwohl ich keinen Vater hatte, er starb, als ich vier Jahre alt war. Meine Mutter war eine sehr starke, aber auch strenge Frau, die mich aber als Einzelkind sehr verwöhnte. Sie war meine beste Freundin. Ihr  kleines Restaurant gab uns die Möglichkeit uns zu ernähren.

Sie war zwar nicht selbst  die Köchin, aber für mich hat sie immer die herrlichsten Sachen zubereitet. Von ihr habe ich sicher auch das Gefühl für die Küche mitbekommen. Ich weiß heute noch, welche Sardinen man für die beste Fischsauce verwenden muss.

Heute denke ich, dass ich schon damals im strengen Süd-Korea eine große Sehnsucht nach der westlichen Welt hatte. Ich wollte Heldin und Hauptdarstellerin meines eigenen Films sein.

Meine Mutter hat immer gearbeitet und so war ich richtig traurig, als  sie einmal an meinem Geburtstag meinen größten Wunsch, gemeinsames Fernsehen, nicht erfüllen konnte. Aber ich weiß von ihr: Unsere Aufgabe ist Überleben und Freude am Leben zu haben. Ich bin ein schwärmerischer Mensch und verliebe mich ständig. Ich sehe Äpfel, berühre  sie und finde sie schön, ich nehme den nächsten, betrachte ihn und freue mich daran. Ich liebe Kinder, ich liebe ihr Lächeln und ich genieße die Sonne und danke dem lieben Gott für mein Leben.  In meiner Kindheit habe ich auch für die Geschichten von Hans Christian Andersen, die griechische Mythologie und vor allem für  Audrey Hepburn, meinem Idol als unabhängige freie Frau, geschwärmt. Heute denke ich, dass ich schon damals im strengen Süd-Korea eine große Sehnsucht nach der westlichen Welt hatte. Ich wollte Heldin und Hauptdarstellerin meines eigenen Films sein.

Mit 19 Jahren wurde mein Freiheitsdrang immer größer und ich konnte meine besorgte Mutter nach langem Ringen überzeugen, dass ich diese Freiheit brauche. Sie dachte, dass ich für ein halbes Jahr nach Österreich gehen würde, um mir hier meinen Berufswunsch Mode Designerin zu erfüllen. Meine Mutter hat immer an mich geglaubt und hat mich immer bestärkt, dass ich alles kann, wenn ich es wirklich will. Selbst in der Wüste Sand zu verkaufen traute sie mir zu und so bekam ich letztlich ihren Sanktus, nach Österreich zu fliegen. Ich war immer ohne große Mühe Klassenbeste gewesen, egal, ob in Mathematik oder beim 100 Meter Lauf. Deshalb  fiel mir auch der Deutschkurs, den ich in nach meiner Ankunft Österreich besuchte, nicht allzu schwer. Nachdem ich mich einigermaßen sicher in der deutschen Sprache fühlte, bewarb ich mich an der angewandten Hochschule und in Hetzendorf, um Mode zu studieren. Leider ohne Chance.  Erst in der Herbststraße konnte ich meine Ausbildung zur Modedesignerin absolvieren. Bald hatte ich ein  kleines Atelier und ein eigenes Label  für meine Entwürfe. Aber meine  Zukunft habe ich darin nicht gesehen, das war nicht die Welt, wo ich mein Herzblut hineinstecken wollte.

Wieder war es meine Mutter, die mir riet, ein kleines Restaurant zu eröffnen, so wäre ich mein eigener Chef und verhungern würde ich auch nie,  denn Reis ist immer da. Ich plünderte meine Ersparnisse und nahm Kredite bei einer Bank auf. 1995 habe ich – ohne irgendeine Ahnung – mein kleines Sushi Restaurant aufgemacht. Zunächst war ich selbst nur im Service tätig und beschäftigte einen Koch aus Korea.

Bald dachte ich, dass es nicht so schwer sein könne, „toten Fisch“ zuzubereiten. Ich las jede Menge Kochbücher, sperrte mein Lokal für ein Monat zu und übte das Filetieren von Lachseiten, die pro Stück bis zu sieben Kilo schwer waren. Ich zerlegte – eigentlich   zerfetzte ich anfänglich – einen Fisch nach dem anderen, bis ich nach vier Wochen halbwegs zufrieden war.

Es ist nicht so, dass es mir nur um das Geld ging, das ich verlor, sondern um das Gefühl, gescheitert zu sein.

Ich war bei der Wiedereröffnung meines Lokals richtig nervös. Aber es wurde ein voller Erfolg. Ich habe das Talent, die Gäste zu verwöhnen, auf sie einzugehen und mir ihre Vorlieben zu merken. Bald waren wir jeden Tag ausreserviert. Ich bekam bald die Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln und habe viele innovative Dinge getan, wie Sushi-Boxen für den  Supermarkt eingeführt, Ernährungskurse geleitet und auch Kochkurse gehalten.  

Mein Leben verlief in den richtigen Bahnen und ich wurde übermütig. Ich verkaufte mein Sushi Lokal und  stieg in die Gruppe der Restaurant Betreiber des „Yohm“ am Petersplatz ein. Es war eine Kombination von japanischem Fastfood und anspruchsvoller Gourmetküche. Ein für Österreich völlig neuartiges Gastro-Konzept, in das ich mit großer Freude mit investierte. Doch es wurde für mich zur Katastrophe, denn nach zwei Monaten gingen wir  in Konkurs.

Es ist nicht so, dass es mir nur um das Geld ging, das ich verlor, sondern um das Gefühl, gescheitert zu sein. 

Ich habe mich zurück genommen und in Ruhe überlegt, wo der Fehler gelegen sein konnte, ich habe mich abgebeutelt und weitergemacht. Nach sechs Monaten kam ich zu der Überzeugung, dass es nicht an mir lag. Ich wusste wo der Fehler war, heute kann man sagen, ich habe mich mit Marktanalyse beschäftigt. Vor allem aber habe ich den Glauben an mich wieder gefunden.

Und dann kam der wirklich einschneidende Moment in meinem Leben, denn mein wichtigster Mensch, meine Mutter, starb. Ich dachte, mein Leben hat keinen Sinn mehr, Asche zu Asche, ich wollte mit ihr sterben. Alle materiellen Sorgen sind nicht mehr wichtig, wenn man einen geliebten Menschen verliert.

Eine gute Freundin half mir in dieser Zeit der Krise, einer Zeit, in der ich beruflich eine Bauchlandung erlebt hatte und meine Mutter verstorben war.

Meine Mutter hat mir auch die Aufgabe des Weiterlebens, der Freude am Leben mitgegeben, das bin ich ihr schuldig. Es irritiert mich, aber ich habe zeitweise das Gefühl, „meine Mutter verkauft zu haben“, damit ich einen Neustart wagen konnte. Denn durch ihren Tod kam ich zu einer Erbschaft und hatte wieder neue Möglichkeiten, mich weiter zu entwickeln.

Nach ausgedehnten Genussstudien in alle Welt,  – ich habe Kochen vor allem als Gast gelernt -, eröffnete ich 2001 mein eigenes Restaurant „Kim kocht“. Mein Mann und mein Sohn sind gut zu mir und wissen, dass ich immer eine weitere Stufe in meinem Leben zu erklimmen habe. Ohne sie und ihre Unterstützung könnte ich diesen Weg niemals weiter gehen. Ich möchte immer meine Grenzen erkunden und herausfinden, welche Aufgaben sich meine Mutter und der liebe Gott für mich ausgedacht haben. Man darf unendlich lernen und es gibt immer neue Wege und Möglichkeiten, dieses Leben wunderschön zu gestalten.

Zur Person
Kim Sohyi wird 1965 als Tochter einer Restaurantbesitzerin in Pusan, Südkorea geboren. Nach ihrer Übersiedlung nach Wien macht sie eine Ausbildung zur Designerin, folgt aber ihrer Berufung und wird Wiens erste Sushi-Köchin mit eigener Sushi-Bar im 9. Bezirk. Neben vielen kreativen Umsetzungen, wie der ersten Take-away-Lunchbox bei Meinl, gründete sie 2001 ihr eigenes Restaurant „Kim kocht“. Sohyi Kim ist verheiratet und hat einen 18-jährigen Adoptivsohn. Überdies ist sie Projektinitiatorin der Plattform „Neuer Wind“ Das Projekt soll engagierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch die Förderung ihrer Weiterbildung den Einstieg ins Berufsleben erleichtern und Ihnen neue Perspektiven aufzeigen – durch Investitionen in Bildungsmaßnahmen aber auch mit Rat und Tat.


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