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Anne Wiederhold: „Der Yppenplatz ist wie eine Insel in der Stadt“

03. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

Wenn Anne Wiederhold über den Yppenplatz geht, wird sie von jedem erkannt. Die künstlerische Leiterin der „Brunnenpassage“ lebt und arbeitet hier, tagtäglich spaziert sie an denselben Marktständen und Geschäften vorbei. Wenn sie zu Mittag isst, darf sie nicht zu oft das gleiche Restaurant besuchen – sonst vernachlässigt sie die anderen, wie sie lachend sagt. Im Gespräch mit WIENER VIELFALT erklärt die gebürtige Deutsche, wie diese Stadt sie verändert hat und was in der österreichischen Kunst- und Kulturszene in punkto Vielfalt noch zu tun ist.

Interview: Jelena Gučanin | Fotos: Igor Ripak

Anne, du lebst seit über zehn Jahren in Wien. Welche Bedeutung hat gerade der Yppenplatz für dich?

ANNE: Der Yppenplatz ist mein gesamtes Lebensumfeld. Ich bin Tag und Nacht gerne hier, weil ich hier sowohl lebe als auch arbeite. Ich liebe es, dass es hier keine Autos gibt und dass ich einfach mit den Kindern vor die Tür gehen kann. Die verschiedenen Kulturen, Mentalitäten und Gerüche machen diese Umgebung so besonders. Eigentlich habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich hier mitten in der Stadt bin. Der Yppenplatz ist wie eine Insel in der Stadt und auf dieser Insel passiert total viel – auch an Alternativen zu dieser Gesellschaft. Hier entsteht etwas Neues. Ich selber habe gemerkt, wie ich mich hier über die Jahre verändert habe. Ich schaue Menschen anders ins Gesicht, weil ich sie jeden Tag sehe und dann merke, dass jeder einzigartig ist. Jeder einzelne Turban ist anders, jedes Kind hat eine eigene Geschichte. Ich möchte davon wegkommen, in Schubladen zu denken. Genau das gelingt mir hier am Yppenplatz.

Hast du von Anfang an hier gelebt?

ANNE: Vorher habe ich im vierzehnten Bezirk gelebt, in der Nähe des Max-Reinhardt-Seminars, weil ich über das Schauspiel viel damit zu tun hatte. Dort ist es völlig anders: ruhig, sehr sauber, aber auch ein bisschen langweilig. Hier ist immer etwas los und man bekommt etwas vom Leben mit – auch die Dramen. Es ist nämlich nicht so, dass alles happy peppy ist. Jede Woche kommen Menschen zu uns in die Brunnenpassage, die Hunger haben, keine Arbeitserlaubnis besitzen, die nicht wissen, wie sie über den Winter kommen. Privat und beruflich habe ich auch viel mit Flüchtlingen zu tun – mein Lebenspartner ist auch Flüchtling. Diese ganzen Geschichten verändern meinen Blick auf die Welt.

Du lebst seit sechs Jahren am Yppenplatz. Welche Veränderungen hast du in der Umgebung bemerkt?

ANNE: Es hat sich vieles positiv verändert. Manche Marktstandler haben endlich einen festen Stand mit einer Heizung und müssen nicht mehr in der Kälte stehen. Das Leben hier ist aber auch teurer geworden. So weit wie am Prenzlauer Berg in Berlin ist es jedoch nicht gekommen. Bei mir im Haus ist es noch immer so, dass ein paar Leute die Toilette am Gang haben. Andererseits hat eine Kollegin, die in Ottakring aufgewachsen ist, hier in der Gegend keine günstige Wohnung gefunden. Die wohnt jetzt im vierzehnten Bezirk. Es gibt diese Gentrifizierung, dass einzelne Menschen sich umorientieren müssen, verdrängt werden – aber ich habe trotzdem nicht den Eindruck, dass es weite Teile der Bevölkerung trifft. Der Yppenplatz selber hat sich durch die neuen Cafés und Restaurants verändert. Der Platz ist in Wien mittlerweile sehr bekannt. Aber die Leute, die zum Essen und Trinken hierher kommen, gehen dann auch wieder. Es ist nicht so, dass hier nur noch Künstler in ihren Lofts leben.

Die Deutschen sind in Österreich die größte MigrantInnengruppe. Welche Erfahrungen hast du als Deutsche in Wien gemacht?

ANNE: In meiner früheren Wohnung hat mir ein Nachbar einmal hinterhergeschrien: „Geht doch zurück nach Deutschland!“ Ich habe durchaus erlebt, dass mich Leute direkt als Ausländerin beschimpfen. Total viele Sprüche gab es natürlich, weil jeder hört, dass ich Deutsche bin. Als Schauspielerin spreche ich noch dazu Bühnenhochdeutsch. Es ist aber trotzdem ein Luxus hier als deutsche „Ausländerin“ zu leben – im Vergleich zu Flüchtlingen aus Afghanistan oder Sierra Leone. Es gibt so viele, die gar keine andere Wahl hatten, die hier gestrandet sind, zurechtkommen müssen, Deutsch lernen und permanent von dieser Gesellschaft fertig gemacht werden. Ich habe es sehr weit gebracht.

Ich durfte im vergangenen Jahr für die Europäische Kommission in einer Expertengruppe zu Interkulturellem Dialog das Land Österreich vertreten. Ich musste mich ständig selbst daran erinnern, mich zu dem Österreich-Kärtchen zu setzen und nicht zu Deutschland. Auch meine Tochter, die hier am Yppenplatz bei einer Hausgeburt auf die Welt gekommen ist, hat einen deutschen Pass. Was heißt eigentlich Migration für die nächste Generation? Die wissen gar nicht mehr, was dieses Land, aus dem sie abstammen, bedeutet. Für meine Arbeit ist diese Erfahrung aber enorm wichtig. Wenn ich sie nicht gemacht hätte, wäre mein Leben langweiliger.

Wenn etwa ein Türke als Schauspieler gecastet wird, muss er meist „den Türken“ spielen – am besten noch mit gekünsteltem Akzent und schlechtem Deutsch. Warum ist das so?

ANNE: In der Filmbranche etwa gibt es verschiedene Entwicklungsstufen. In der ersten kommen MigrantInnen überhaupt nicht vor – es wird schlicht und einfach eine falsche Realität gezeigt. Die nächste Stufe in der Entwicklung ist, dass MigrantInnen durchaus präsent sind, aber meistens sehr klischiert und zum Beispiel mit Akzent. Einem Kollegen aus Simbabwe – einer der wenigen schwarzen Schauspieler in Österreich – wurde am Anfang von einer Agentur gesagt, er sei zwar ein toller Schauspieler, aber sie könnten ihn nicht verkaufen.

Er wollte ihnen dann das Gegenteil beweisen und das hat er auch geschafft, weil er mittlerweile einer der erfolgreichsten österreichischen Filmschauspieler ist. Jetzt reißen sich die Agenturen um ihn, aber am Anfang durfte er nur Drogendealer, Reinigungskräfte und so weiter spielen. Die nächste Entwicklungsstufe wäre dann, dass die Herkunft überhaupt keine Rolle mehr spielt und Vielfalt zur Normalität wird. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich erinnere nur an die Serie „tschuschen:power“ im ORF – da weiß ich gar nicht, in welcher Entwicklungsstufe wir uns befinden.

Apropos: Die jüngsten Vorfälle rund um Blackface bei den Wiener Festwochen zeugen auch nicht gerade von einer weiten Entwicklung in diesem Gebiet.

ANNE: Genau. Theater ist noch viel schwieriger, weil die Rollen so klischiert sind. Es bessert sich, aber bei einer Julia aus „Romeo und Julia“ oder einem „Gretchen“ haben alle sofort ihre Bilder im Kopf und können sich erst einmal nicht vorstellen, dass sie schwarze Haare haben oder eine Asiatin sein könnte.

Die Brunnenpassage bringt gemeinsam mit dem Volkstheater das Stück „Ausnahmezustand Mensch Sein“ auf die Bühne. Was ist das Neue an dieser Koproduktion?

ANNE: Ich möchte vorweg nehmen, dass es im Stück überhaupt nicht um Migration geht. Wir machen keinen „Zoo“ auf der Bühne auf und zeigen die „armen Asylwerber“ oder die tragischen Geschichten von Gastarbeitern. Jene Projekte, die es in diese Richtung gab, hatten zwar kulturpolitisch ihre Notwendigkeit, aber das ist nicht das, was wir tun. Wir stecken die Menschen nicht in einen Rahmen und beschränken sie auf ihren Hinter- oder Vordergrund. Basierend auf Shakespeares „Sturm“ geht es um Ausnahmezustände, die jeder Mensch durchlebt. Wir haben eine enorme Vielfalt auf der Bühne und Backstage – insgesamt wirken Menschen mit 19 verschiedenen Muttersprachen mit.

Es werden mehrere Sprachen auf der Bühne gesprochen, was derzeit im deutschsprachigen Raum sehr ungewöhnlich ist. Wenn ein Monolog auf Dari gesprochen wird, werden das nicht alle im Publikum verstehen. Aber das finde ich überhaupt nicht schlimm. Ich habe mir einmal „Hamlet“ auf Japanisch angesehen und es war trotzdem interessant. Wenn ein Stück verschiedene Sprachen spricht, entspricht das viel mehr unserer heutigen Zeit. Auch die konzeptuelle Herangehensweise unseres Stückes ist neu. Unser Ensemble bestehend aus 30 Menschen zwischen 15 und über 60 setzt sich nicht nur aus Menschen mit Migrationserfahrung zusammen – denn auch das wäre etwas, das es schon gibt. Uns geht es eigentlich darum, dass Wienerinnen und Wiener basierend auf Shakespeare eine zeitgenössische Uraufführung spielen.

Zur Person
Anne Wiederhold, geboren 1974 in Frankfurt/Main, hat Schauspiel und Psychologie studiert.


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