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Der geheime Mahü-Bericht

09. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

Eigentlich dürften Sie das gar nicht lesen, weil eigentlich sollte ich das gar nicht schreiben, so einen Text über die Mariahilfer Straße. Guter Einstieg, nicht klassisch, aber Sie lesen ja noch immer. Ich sage Ihnen etwas: ich bin befangen. ich drehe eine achtteilige Episodenreportage über den Umbau der Mariahilfer Straße: „querstadt im detail“.

Story: Maximilian Brustbauer | Fotos: querstadt

Berichte über die Mariahilfer Straße gibt es viele, die Fakten sind bekannt. Warum dann das hier lesen? Weil ich mehr zu berichten weiß, ja, ich weiß mehr als Sie. Mich hat zwar niemand gefragt, aber Sie lesen ja noch immer.

Kennen Sie die jungen Leute – die, die fragen, ob Sie Zeit haben für irgendwas? Ich bin einer davon. Also fast. Die sind jünger und ich habe ein Mikrofon und zwei Kameraleute, Thomas und Felix. Ich weiß, wann Sie bereit sind, mit mir zu reden. Wenn Sie schnell gehen, keine Chance. Sie lächeln noch und manchmal auch nicht. Gehen Sie aber langsam, dann reden Sie mit mir – in einem von drei Fällen. Ehrlich, so sind Sie nun mal.

Der Dreh der ersten Episode findet am Tag des Spatenstichs statt. Wir sind um sieben Uhr vor Ort, wollen alles von Beginn an mitbekommen. Um sieben Uhr kommen die ersten LKWs, voll beladen mit Zäunen, Baumaschinen erst später. Vorerst also Pause. Sieben Uhr fünfzehn. Nieselregen, Kaffeehaus?

Mittags dann: Sonne, gut, großer Bagger, gut, Menschenmenge vor der Bühne, könnte mehr sein. Alle lächeln hier, quasi ganz Wien freut sich, außer einem älteren, unbeugsamen Mann, der schreit auf der Bühne, dass alles schlechter wird. Die Kamerateams von ORF, ATV und Puls 4 sind an ihm dran, also egal, brauchen wir nicht. Wir stellen die besseren Fragen: „Wissen Sie, was ein Wassertisch ist?“ Nein. GO-Spieltisch, neues Infoleitsystem, WLAN? Leerer Blick, wir dürfen keine Informationen voraussetzen.

Anderes Fragenkonzept, machen wir es simpel: Was halten Sie vom Umbau? Da geht es los, eine feine wienerische Palette aus „nix“, „wird sicher schlechter“, „wegen mir müssen’S des ned umbau’n“ und „Wissen’S wos, mir is des ollas wuascht, owa sowos von“. Wie sollen Felix, der Cutter, und ich da bloß etwas Sinnvolles zusammenschneiden? Ein Versuch noch: junge Frau, die freut sich sicher auf die neue Begegnungszone, sie vielversprechend und wir positiv erwartungsschwanger: „Ich weiß gar nicht, was hier los ist, letzte Woche war das noch nicht.“ Wir packen zusammen, dann ist das halt die erste Episode, selber schuld.

Zwei Monate später. Die Straße aufgerissen, die Menschen treiben in Zaunkorridoren. Stimmungsvoll, finden wir. Wir merken gleich, dass niemand diese Sichtweise teilt.

Christoph Hofinger, Politikforscher, erklärt uns: junge Menschen mit Auto sind für die neue Straße, ältere Mitbürger tendenziell dagegen, auch wenn sie kein Auto haben: Überraschung Nummer eins.

Acht Minuten in etwa dauert ein Interview, dann müssten Sie uns noch unterschreiben, dass Sie der Veröffentlichung zustimmen. Passt immer, außer einmal, der sagte dann einfach „Nein“ und ging: Überraschung Nummer zwei.

Die Anfangsaufregung ist weg. „Das Beste ist, wir warten ab“, sagt der Chef von „Mauerer Hüte“, „mit der ganzen Fragerei und Schreiberei hauen die Medien das Geschäft erst richtig zusammen.“ Es ist halt eine Baustelle und die gefällt niemandem, außer den Bauarbeitern, die sind schon stolz, dass sie hier arbeiten und werden dann auch einmal mit ihren Kindern drüber gehen und sagen: „Das hat der Papa gebaut!“

Dritte Episode: wir fragen auch Touristen. Die stört der Umbau nicht, was das Interview betrifft, bin ich mir nicht so sicher. Szenario: ein Ehepaar, der Mann spricht mit uns, er hat Zeit, weil seine Frau „kann weiter shoppen“, ja, Klischee, aber das hat er so gesagt. Auf alle Fälle ist er konzentriert am Reden. Was weder er noch wir bemerken, sie wechselt das Geschäft. Interview fertig, er rein in das Geschäft, wir packen zusammen, er raus aus dem Geschäft: „Haben Sie meine Frau gesehen?“ Gut, wir helfen suchen, sind wir ihm schuldig. Wir teilen uns auf, vier Männer suchen eine Frau, klappern die benachbarten Geschäfte ab, rein, raus, einzeln, rein, raus. Nach fünf Minuten merken wir, die Frau hatte die gleiche Idee. Das Ergebnis: klassischer Slapstick.

Wie merken uns: Touristen sind geduldige Menschen – wahrscheinlich weil sie auf Urlaub sind.

Mittlerweile ist Winter, aber Sie flanieren alle fröhlich und zufrieden kreuz und quer über das neue Pflaster. Schön, Ihnen dabei zuzusehen. ja, wir beobachten Sie! Erinnern Sie sich an die drei sich unterhaltenden Männer auf der Bank, letztens, als Sie gedacht haben: „Reden die über mich?“ Ich weiß nicht, ob wir über Sie gesprochen haben, aber das waren definitiv wir auf der Bank. Wir drehen weiter.

Geben Sie es zu, Sie haben sich doch gefreut, dass wir da waren, auch wenn wir nicht der ORF sind. Ich war Ihr Therapeut und bleibe es auch gerne.

Mehr Infos zum Projekt gibt es hierwww.querstadt.net


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