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Leseprobe: Das neue Wörterbuch des Teufels

07. Mai 2014 / von / 0 Kommentare

Schuberths aphoristisches Teufelswerk

Hundert Jahre nach Verschwinden von Ambrose Bierce, dem Verfasser des «Devil‘s Dictionary», in den Wirren der Mexikanischen Revolution bringt Richard Schuberth im Klever Verlag sein «Neues Wörterbuch des Teufels» heraus – und weckt die literarische Form des Aphorismus mit seinen «Miniaturgemeinheiten zum Andenken gegen die Gemeinheit der Welt» aus ihrem Schönheitsschlaf. Davon, dass Schuberth, der immer wieder auch für WIENER VIELFALT schrieb, viel Scharfsinniges zu MigrantInnen, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus zu sagen hat, kann man sich in seiner dreibändigen Essaysammlung «Rost und Säure» (2013 bei Drava erschienen) überzeugen. Doch auch in seinem Lexikon (das auch einige Essays zu Ambrose Bierce, Karl Kraus und seinem eigenen Verhältnis zu satirischem und aphoristischem Schreiben enthält), kommen diese Themen nicht zu kurz. Hier ein Auszug.

Al Kaida

Selbsthilfegruppe von ehemaligen Nerds aus zumeist arabischem und zumeist reichem Elternhaus, die mittels Bomben und radikalem Islam das nachholen, was ihnen bei den heißen Studentenpartys im Westen nicht gelungen war: auf sich aufmerksam zu machen.

Asylant

Flüchtling auf der Suche nach einem lebenswerten Leben in reichen Ländern, das ihm nur gewährt wird, wenn er nachweisen kann, dass er auf deren Müllhalden, die er zuvor bewohnt hat, ermordet wurde.

Ausländer

Mensch, der dadurch auffällt, dass er Ausländer ist; vor allem, weil er Ausländisch spricht. Der Ungebildete, Ängstliche verachtet das Andere am Ausländer und schließt ihn mitunter sogar ins Herz, sobald er erkennt, dass das Andere gar nicht so anders ist und der Ausländer mindestens so ein Wappler wie er selbst. Ganz anders der Gebildete, Weltoffene: Er verachtet das Gleiche am Ausländer und schätzt nur das Andere an ihm, weil Wappler haben wir bekanntlich selber genug. Er weiß zum Beispiel, dass Ausländisch gar keine homogene Sprache ist, sondern in viele Dialekte zerfällt. Ist das nicht schrecklich interessant? Und ihn interessiert am Ausländer zunächst immer, welche Dialektvariante des Ausländischen er spricht, um dann verständig zu nicken, in der Hoffnung, der Ausländer habe ihn nun schrecklich lieb, weil er so viel über die Unterschiede innerhalb der Ausländersprache und -kultur weiß.

Balkan

Freiluftmuseum des freien Wettbewerbs in seiner heroischen Urform sowie Reservedepot für Ursprünglichkeit, Echtheit und billige Arbeitskraft, das sich der Westen in Südosteuropa angelegt hat. Der Westen verwaltet treuhänderisch die Wirtschaft des Balkans, dieser verwaltet für ihn als Gegenleistung alte Diskurse wie den Nationalismus, den jener im Augenblick nicht brauchen kann, der ihm vom Balkan aber repariert, poliert und in Schuss gehalten wird wie ein Oldtimer in der Garage.Am meisten liebt der etwas langweilig gewordene Westler am Balkanier den vitalen Widerstreit von Eros und Thanatos, von Lebensfreude und dem düsteren Hang, sein Leben auf der nationalistischen Schlachtbank und sein Erspartes der österreichischen Privatbank zu opfern.

Bauchtanz

Tanz, mit dem vollschlanke europäische Hausfrauen orientalische Männer in den religiösen Fundamentalismus treiben.

Che-Guevara-Shirt

Kleidungsstück, mit dessen Durchschwitzen Anhänger des kommunistischen Revolutionärs Ernesto Guevara Kinderarbeit im staatskapitalistischen China und westliche Textilmultis unterstützen. Ein alter Häuptling vom Volk der Guaraní-Indianer soll beim Weltsozialforum in Porto Alegre über die Che-Leiberl-Träger gesagt haben: Diese jungen Leute bannen sein Gesicht auf ihre Brust, um nicht von seinem Geist besessen zu werden.

Inländer

Mensch, der nicht wegen seiner mangelnden Kenntnisse der Landessprache abgeschoben werden darf.

Integration

Unterwerfung Randständiger unter die Lüge des gesellschaftlich Ganzen.

Kirchturm

Gleich dem Minarett der Moschee und dem erhobenen Schwert der nationalen Befreiungsstatue der Alptraum eines jeden Fallschirmspringers.

Migrationshintergrund

Eine mit vergilbten Fotos exotischer Länder tapezierte Sperrholzplatte, an die man bestimmte Mitbürger nagelt, damit ihre faszinierende Differenz nicht in Vergessenheit gerate. Da die Rassenlehre mittlerweile verpönt ist, scheint solch eine erkennungstechnische Markierung notwendig, um diesen Menschen weiterhin Pflichten abzapfen und Rechte vorenthalten zu können. Weil von den politisch Rechten mit Unrat beworfen, versuchen sie den Migrationshintergrund unter Schmerzen abzustreifen, was ihnen nicht gelingen will, weil stets wohlwollende Linke zur Stelle sind, um ihn ihnen (ganz anders als der Heilige Josef von Arimathäa einst) wieder auf die Schultern zu laden, mit der freundlichen Mahnung, ihn auf keinen Fall zu verleugnen, sondern stolz zu sein darauf. Den Einwand, dass die vergilbten Ansichtskarten von Pyramiden und Moscheen auf der verfluchten Sperrholzplatte nichts mit den Plattenbauten und Slumhütten zu tun hätten, aus denen ihre Eltern hierher geflüchtet waren, dringt nicht an die Ohren der Linken, weil diese gerade in ihren MP3-Playern selig grinsend der vermeintlichen Volksmusik ihrer Schützlinge lauschen.

Neger

Lateinische Bezeichnung für «Schwarzer», die als dermaßen rassistisch empfunden wird, dass man sie durch freundlichere Bezeichnungen wie «Schwarzer» und «Farbiger» ersetzte, anstatt die eigentliche Abscheulichkeit zu eliminieren: Menschen aufgrund der Hautfarbe zu kategorisieren. Sobald dies einmal geschafft ist – und es wird wohl noch einige Zeit bis dahin vergehen –, könnte man als nächsten Schritt vielleicht die Abscheulichkeit der Zuordnung von Menschen zu Kollektivkategorien, auch selbstgewählten, erwägen.

Princip, Gavrilo

Früher Märtyrer der Ökobewegung, der dem Tiermörder Franz Ferdinand das Handwerk legte, ehe der auch das 274.512. Wildtier seiner Jägerlaufbahn massakrieren konnte.

Scheinehe

Die einzige funktionierende Form der Ehe.

Vaterland

Alter Egoist, der seine Kinder für sich sterben lässt. Besäße er einen letzten Rest an Anstand, würde er für seine Kinder sterben.

Winnetou

Der Deutschen Lieblingsausländer. Schon in den 60er Jahren wollten ihn Mütter als Schwiegersohn und Väter ihren Töchtern ausspannen. Wären bloß alle Ausländer wie er – es gäbe nur positive Asylbescheide. Aber, sagt Häuptling Springender Punkt, Winnetou würde nie und nimmer um Asyl ansuchen, weil er ein verantwortungsvoller Ausländer ist, der nicht auf Schakalspfoten nächtens in bessere Jagdgründe schleicht, sondern im Apachenland bleibt und von dort aus seine Weltbürgerpflicht abstattet: den kulturlosen Amis Feuer unterm Arsch zu machen.



Aus dem Buch: „Das neue Wörterbuch des Teufels" (Richard Schuberth)

Ein aphoristisches Lexikon mit zwei Essays zu Ambrose Bierce und Karl Kraus sowie aphoristischen Reflexionen zum Aphorismus selbst // 228 Seiten, ISBN: 978-3-902665-75-1, © 2014, Klever Verlag // EUR 19,90


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