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Das Leid der Mehrschubladigkeit

02. Dezember 2015 / von / 0 Kommentare

Das menschliche Gehirn braucht Ordnung, anders würde die gesamte Welt nicht funktionieren. Eh klar. Wir kategorisieren jeden Sachverhalt, jeden Gegenstand, jedes Objekt. Wir sehen einen Spatz und stecken ihn in die Schublade mit dem Pickerl „Vogel“, die sich im Kasten mit der Aufschrift „Tiere“ befindet. Wenn wir ein Sofa sehen, ordnen wir ihn in die Schublade „Möbel“ ein, die im Kasten „Einrichtung“ steht. Und genau das machen wir auch mit Menschen. Sehen wir jemanden, der in zerlumpten Kleidern auf der Straße bettelt, stecken wir ihn in die Schublade „Obdachloser“.

Wenn nun aber jemand in mehrere Schubladen passt oder irgendwie in keine davon, gibt’s ein Problem. Die Mehrschubladigkeit. Genauso geht es Kindern, die zwar hier geboren sind, deren Eltern aber wo anders herkommen. Sie passen in mehrere Schubladen, irgendwie aber auch in keine davon.

Als Kind von Migranten in Wien aufzuwachsen ist nicht leicht. Was ich bin? Keine Ahnung. Ein Mensch vielleicht? Ich schau‘ zumindest so aus. Und im Mutter-Kind-Pass steht’s auch, also muss es wohl stimmen. Na, na, wo du herkommst, bist a Jugo oder a Österreicherin? Naja, kommt drauf an. In Österreich werde ich mit meinem Nachnamen wohl ewig zumindest ein bisschen Jugo bleiben. In Bosnien, wo meine Eltern herkommen, wird man als ein Kind wie ich überwiegend als Österreicher (oder liebevoll Švabo genannt) angesehen. Wie um alles in der Welt soll man sich dann also irgendwo zugehörig fühlen? Und wie soll man dann auf die Frage „Woher kommst du?“ eine zufriedenstellende Antwort geben? Ich weiß es nicht.

„Du sprichst aber akzentfrei Deutsch! Wahnsinn!“, na no na ned. Wäre ja auch traurig, wenn ich nicht perfekt Deutsch reden könnte, nachdem ich in Wien geboren und hier zur Schule gegangen bin. Selbiges hört man von der anderen Seite, man wundert sich, wie perfekt und flüssig ich doch BKS spreche. Wieso nicht? Schließt perfektes Deutsch perfekte BKS-Kenntnisse aus? Meine Eltern haben es mir beigebracht, es ist deren Muttersprache und somit auch ein Teil von mir. Wieso ist das verwunderlich? Vielleicht erschüttert folgende Offenbarung das Weltbild von manch einem, aber stellt euch vor, man kann auch mehrsprachig aufwachsen. Und in Folge dessen auch mehrkulturig.

Wieso bitte sollte ich mich für eine Identität entscheiden? Mir passt es eigentlich sehr gut, wie ich jetzt bin. Kann ich nicht Sarma essen und gleichzeitig im Wiener Dialekt über die depperte Nachbarin und ihre stinkende Katze sudern? Kann ich sehr wohl, mach ich auch gerne. Ständig eigentlich. Manchmal tausche ich Sarma gegen Pita aus. Und manchmal esse ich ein Schnitzel und fluche auf Jugo über den Preisanstieg von Zigaretten und entwickle dabei Verschwörungstheorien, in denen immer die Amerikaner schuld sind. Sehr klischeehaft das Ganze, klar. Ist aber auch überspitzt formuliert, der Klarheit wegen.

Was ich ehrlich denke ist, dass man als Mensch, der mehrere Kulturen und daher auch mehrere Weltanschauungen, Wertvorstellungen, Mentalitäten, Religionen in sich trägt und im besten Fall auch mehrsprachig ist, zwar oft verwirrt ist, aber dennoch einen enormen Reichtum von unschätzbarem Wert besitzt. Noch „reicher“ wird man, wenn man akzeptiert, dass sich diese Kulturen irgendwann vermischen und sich als eine eigene, neue Kultur etablieren und man sich nicht für die eine oder andere Identität entscheiden muss, sondern eine neue bilden kann. Man baut seine eigene, neue Schublade in der all die Menschen Platz haben, die es leid sind, sich für eine Identität entscheiden zu müssen, nur weil sie in Österreich geboren wurden, ihre Eltern aber in einem anderen Land. Dann fühlt man sich eventuell auch endlich irgendwo zugehörig und irrt nicht so verwirrt mit seinem Kulturreichtum durch die Gegend, mit dem man nicht wirklich was anzufangen weiß.

Warum keine Schublade, die „mit Migrationshintergrund“ heißt? Weil ich finde, dass dieser Begriff impliziert, dass man zwar in Österreich lebt, aber trotzdem wenig bis gar nichts mit der österreichischen Kultur am Hut hat.

Die Vogel-Schublade passt in den Tier-Kasten, die Möbel-Schublade in den Einrichtung-Kasten. Wohin also mit unserer neu gebauten Schublade? Ganz einfach. Sie kommt in den gleichen Kasten, in den auch die Schublade „Obdachloser“ steht. Nämlich in den Kasten, in den wir letzten Endes alle hineingehören, in den Kasten mit der Aufschrift „Mensch“.

 

Foto © Nermina Bajramović


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