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Danko Rabrenović: „Herzlich willkommenčić”

27. Mai 2015 / von / 0 Kommentare

Der Schriftsteller und Musiker Danko Rabrenović porträtiert in seinem neuen Buch „Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer“ die kleinen Gewohn- und Gepflogenheiten der „Balkanesen“ und Deutschen auf sehr humorvolle Weise. Als Danko Rabrenović im Jahr 1991 nach Deutschland zog, zeigte er sich zuallererst über Folgendes erstaunt: „Dass die Geschäfte um 18:30 zu machen, Hunde tolle Frisuren haben und Menschen mit Laubblässer gegen Laub kämpfen.“ Solche und andere Alltäglichkeiten schreibt er in seinem neuen Buch „Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer“ nieder. „Der Balkanizer“ heißt auch seine Radiosendung im WDR Funkhaus Europa, die er seit zehn Jahren moderiert. „Als Balkanizer versuche ich in der Sendung meine Hörer zu balkanisieren – und zwar nicht mit den Themen Krieg, Korruption und Nationalismus, sondern mit einer guten Portion Balkanmusik und Balkangeschichten.“ Um auf den Geschmack zu kommen, hier eine Leseprobe:

Mein Kindheitsdreieck

Die älteste Datei auf meiner Erinnerungsfestplatte stammt aus Zagreb. Dort wurde ich geboren – an einem kalten, schneereichen Februartag. Natürlich erinnere ich mich nicht wirklich an die Geburt und die ersten Ereignisse meines Lebens. Aber ich kenne ein paar Geschichten, die mir meine Eltern später erzählten. Zum Beispiel, dass ich als Baby so dick und so groß war, dass mich die Krankenschwestern in der Kinderklinik immer einzeln aus dem Schlafraum zu meiner Mutter trugen, während die anderen Babys neben- und übereinander auf einem Wagen gestapelt wurden. Die Krankenschwestern hatten angeblich Angst, dass ich mit meinen viereinhalb Kilo die anderen Babykollegen zerquetschen würde.

An dem Tag, an dem meine Mutter und ich aus dem Krankenhaus entlassen werden sollten, kamen meine Großeltern, um uns abzuholen. Sie brachten mir ein königliches Kleid aus feiner weißer Seide. Die Wickelsachen aber hatten sie leider vergessen. Unter meinem aristokratischen Dress trug ich also alte und gebrauchte Leihwindeln aus dem Krankenhaus. Da es auch an diesem Tag heftig schneite, wurde ich zusätzlich noch in eine Decke eingewickelt, sodass man weder meine Füße noch meinen Kopf sehen konnte. Im Taxi hielt mich meine Oma Viktorija, genannt Vika, senkrecht auf dem Schoß. Und als sie die Decke aufmachte, um mir einen Kuss zu geben, trafen ihre Lippen meine kleinen Fußzehen. Sie hielt mich nämlich die ganze Zeit falsch herum. »Kein Wunder, dass mit dir etwas nicht stimmt«, wiederholte mein Vater immer, wenn ihm etwas an mir nicht gefiel – und erinnerte mich dann an die Episode im Taxi.

Meine ersten Jahre verbrachte ich in Zagreb bei Oma Vika und Opa Drago. Mama und Papa arbeiteten beide in Belgrad, was gut vierhundert Kilometer weit weg ist. Sie hatten noch keine Wohnung und standen am Anfang ihrer Journalistenkarrieren beim Radio. Daher war ich bei meinen Großeltern vorerst besser aufgehoben. Mindestens einmal die Woche aber fuhren meine Eltern nach Zagreb, um mich zu sehen. Ich selbst sah meine Mama auch manchmal im Fernsehen, wie sie als Belgrad-Korrespondentin von Radio und TV Zagreb vor irgendwelchen großen Gebäuden stand und wichtig klingende Dinge erzählte. Wenn ich sie abends in den Nachrichten sah, rannte ich immer zur Eingangstür und erwartete sie jeden Moment in der Wohnung. Ja, ich habe meine Eltern oft vermisst. Ansonsten fehlte es mir bei meinen Großeltern aber an nichts. Auch ohne Seidenkleid war ich immer der kleine König und fühlte mich geborgen.

Oma Vika und Opa Drago wohnten in einem alten Haus im Zentrum Zagrebs, nur etwa zweihundert Meter von der Kathedrale entfernt. Auf dem großen Innenhof vor dem Haus habe ich Laufen gelernt. Auch die ersten Runden auf meinem roten Dreirad habe ich dort gedreht. Neben einem langen Eingangsflur lag ein Raum, den ich noch heute ziemlich genau vor Augen habe: die Werkstatt von Opa Drago. Er war Puppenbauer und fertigte Schaufensterpuppen, kleine Statuen und Sachen aus Gips an – für Geschäfte, Theater, Museen und für die Kirche. Das ganze Haus roch nach Kleber, den er für seine Modelle benutzte. Das ist wahrscheinlich der erste Geruch, an den ich mich erinnere. Und das erste Spielzeug, an das ich mich richtig gut erinnern kann, ist ein Schallplattenspieler des slowenischen Herstellers »Iskra«. Auf diesem legte ich als DJ jeden Tag einen Haufen Singles für meine Großeltern und deren Freunde auf. Obwohl ich damals noch nicht lesen konnte, war ich in der Lage, aus fünfzig Schallplatten immer das gewünschte Lied herauszufischen und die Nadel auf der richtigen Stelle abzusetzen.

Sonntags gingen wir nicht in die Kirche, sondern zum Mittagstisch zu meiner Urgroßmutter, die alle nur Grossa nannten. Grossa lebte in einem kleinen Haus bei uns im Hinterhof, direkt neben Vika und Drago. Ich weiß nicht, ob der normale Weg durch die Eingangstür für meine Großeltern zu lang oder aus irgendeinem Grund ungeeignet war, aber sie bevorzugten einen anderen, etwas ungewöhnlichen Weg: durch das Fenster. Und die Fenster hatten Gitter. Aber da meine Oma und mein Opa sehr schlanke Menschen waren, passten sie trotzdem hindurch. Für sie war es vollkommen normal, zwischen den Gitterstäben durch das Fenster zu klettern, und das in voller Montur: Opa Drago in Anzug, Hemd, Krawatte und Hut – Oma Vika in einem Damenkleid mit hochhackigen Schuhen. Als Kind fand ich all das ganz normal. Manchmal, wenn meine Eltern am Wochenende da waren, betraten und verließen auch sie die Wohnung durch das Fenster. Und wenn uns einer der Nachbarn bei diesen Fensteraktionen über den Weg lief, wurde nur freundlich gegrüßt, und mein Opa hob kurz seinen Hut.

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Mit knapp vier Jahren bin ich dann zum ersten Mal umgezogen. Nach Belgrad, zu meinen Eltern. Da kam ich sofort in einen Kindergarten, der direkt neben unserem vierzehnstöckigen Hochhaus lag. Wir wohnten in der dritten Etage. Die Wohnung gehörte Radio Belgrad, wo mein Vater angestellt war. Im Sozialismus
stellten große Firmen ihren Mitarbeitern Wohnungen zur Verfügung. Die Wohnung gehörte uns also nicht, aber wir durften dort für eine moderate Miete wohnen, so lange wir wollten. Man zahlte dazu noch geringe Nebenkosten sowie die Gebühren für Telefon und Strom. Das hört sich heute unwahrscheinlich an. War aber so.

In Belgrad vermisste ich meine Zagreber Großeltern sehr, dafür gewann ich eine Menge neue Freunde. Alleine in unserem Hochhaus lebte ein Dutzend Kinder in meinem Alter. Und in den Häusern nebenan noch mehr. Wir trafen uns jeden Nachmittag auf einer großen grünen Wiese direkt hinter dem Hochhaus. Etwa tausend Quadratmeter groß und ein wahrer Luxus in einer Großstadt mit viel Grau und Beton. Diese Wiese war unsere kleine, heile Welt. Wir waren sicher vor dem Verkehr, und unsere Eltern wussten immer, wo wir waren. Auf unserer Wiese kickten wir mit dem Fußball oder spielten mit Murmeln. Manchmal bauten wir auch ganze Städte in die Erde und fuhren dann mit unseren Spielautos durch die angelegten Straßen. Ein beliebtes Spiel war auch »Partisanen gegen Deutsche«. Aber leider scheiterte es oft daran, dass alle Partisanen sein wollten und keiner Švabo. Man bezeichnete im ehemaligen Jugoslawien alle Deutschen als »Schwaben«. Wahrscheinlich wegen der Donauschwaben, einer deutschen Minderheit, die auch bei uns lebte. Manchmal lagen wir auch einfach auf der Wiese, schauten zum Himmel und erzählten uns gegenseitig Geschichten. Oder wir kletterten auf den alten Aprikosenbaum und aßen die grünen, unreifen Aprikosen, bis uns schlecht wurde.

Mein Kindergarten und später die Grundschule waren sehr nah – so nah, dass ich morgens alleine dorthin gehen konnte. Manchmal, wenn ich aus der Ganztagsschule nach Hause kam, waren meine Eltern noch nicht von der Arbeit zurück. Das war aber überhaupt kein Problem. Ich konnte an irgendeine Nachbartür klopfen, und schon saß ich mit der Familie am Küchentisch. Am häufigsten war ich bei den Lazovićs, die ihre Wohnung genau eine Etage über uns hatten. Deren Sohn Dejan war mein bester Freund. Seine Mutter Gordana war Hausfrau und immer zu Hause. Sie kochte gerne und gut, und ich mochte ihre Gerichte sehr. Allerdings war sie nicht in der Lage, nur ein Gericht aufzutischen, und auch normale Portionen waren ihr fremd. Tag für Tag landeten unglaubliche Essensmengen auf dem Tisch, so als ob die Familie permanent Gäste erwartete. In der Regel waren aber nur Dejan und ich da, und am frühen Abend dann auch Dejans Vater Dragoslav – ein Spezialist für Motorpumpen.

Die Bewohner des Hochhauses waren bunt gemischt. Alle Jugo-Nationalitäten, Religionen und jede Art von Berufen auf einem Haufen. Meine Eltern hatten Kontakt zu jedem im Haus. Die Nachbarschaft gehörte zur Familie. Man konnte wirklich um jede Uhrzeit an irgendeine Tür klopfen, um nach Aspirin, Salz oder einem Hammer zu fragen. Dorfverhältnisse mitten in der Hauptstadt.

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Und dann war da noch die Insel, die mein Kindheitsdreieck vervollständigte. Eine kleine, ruhige Insel ohne Autos und Hotelanlagen mitten in Dalmatien. Dort besaß unsere Familie ein Sommerhaus aus alten dalmatinischen Steinen, das mein Opa Drago für uns gekauft hatte – allerdings mit dem Geld, das mein Vater von seinem Vater geerbt hatte. Zunächst hatten meine Eltern auf eigene Faust versucht, ein Haus an der Adria zu finden. Mehrere Sommer machten sie Urlaub in schicken Hotels auf Brač oder Hvar und suchten dabei nach einem Sommerdomizil. Nach zwei, drei solcher Sommerurlaube hatten sie fast die Hälfte des Erbes ausgegeben, aber kein passendes Sommerhaus gefunden. Entweder gefielen ihnen die angebotenen Häuser nicht oder sie waren zu teuer. Dann bot mein Opa Drago seine Hilfe an. Er hatte viel mehr Zeit als meine Eltern und würde die Küste ordentlich abklopfen. Schon wenige Wochen später meldete er sich bei meinen Eltern: »Ich habe ein Traumhaus für euch gefunden, es ist wunderschön, und der Rest des Erbes reicht sogar aus, um es zu bezahlen.«

Da mein Vater zu dieser Zeit als Journalist von einem Kongress der Blockfreien Staaten aus Sambia berichtete, fuhren meine Mutter und mein Belgrader Onkel Mihajlo nach Dalmatien, um sich das Haus anzuschauen. Mihajlo war Architekt und sollte meine Mutter beim Hauskauf beraten. Das Haus musste zwar dringend renoviert werden, wurde aber trotzdem für gut befunden und gekauft. Mein Opa hatte sich vor allem in die unfassbar schöne Aussicht von der Terrasse verliebt. Von dort konnte man das Meer und viele kleine dalmatinische Inseln beobachten, als lägen sie auf der eigenen Hand.

Als mein Vater nach seiner Afrika-Reise das erste Mal auf die Insel kam, um das gekaufte Haus zu sehen, war er schockiert. Im Erdgeschoss – heute die Küche und ein großer Wohn-Ess- Bereich – befand sich ein Stall, aus dem man bis in den Dachboden hinaufgucken konnte, weil die Bretter in den Böden fehlten. Außerdem fehlten die Anschlüsse für Wasser und Strom, und überall war Feuchtigkeit ins Haus gezogen. Eine Ruine, in die man noch viel Geld stecken musste, um sie wohnlich zu machen. Mein Vater war stinksauer und sprach drei Tage kein Wort mit Opa Drago. Er konnte nicht nachvollziehen, dass sein Schwiegervater sein komplettes Erbe in so ein Haus investiert hatte – allein wegen der schönen Aussicht.

Mit der Zeit verliebte sich aber auch mein Vater in das alte Steinhaus, die Insel und die Menschen. Und jedes Mal, wenn wir Besuch hatten, bat er ihn als Erstes nach oben in die dritte Etage. Dort, auf der Terrasse, verkündete er dann ganz stolz: »Das ist unser St. Tropez, und wegen dieser Aussicht haben wir das Haus gekauft.« Wir hatten so oft Gäste, dass ich mir diesen Spruch jeden Sommer gefühlte hundert Mal anhören musste.

Neulich habe ich mein Tagebuch aus der ersten Klasse gefunden. Damals hatten wir die Aufgabe, jeden Tag in den Sommerferien etwas aufzuschreiben. Mein Tagebuch begann immer gleich: »Heute habe ich lange geschlafen, dann war ich am Strand, und dann bekamen wir Besuch …« An die vielen Besuche erinnere ich mich noch heute. Und zwar sehr gerne. Meine Eltern hatten wirklich viele Freunde, und alle waren stets herzlich willkommen. So war es bei meinen Großeltern in Zagreb, bei meinen Eltern in Belgrad und besonders auf der Insel. Dort besuchte uns jeder, der irgendwo in der Nähe Urlaub machte oder auf dem Weg durch Dalmatien an der Insel vorbeikam. Viele blieben auch über Nacht. Ich schätze, pro Sommer waren es etwa zwanzig bis dreißig Übernachtungen. Wenn wir das mal vierzig Jahre nehmen, kommen wir locker auf eintausend Übernachtungen. Kein Wunder, dass auf einer Insel, die in erster Linie vom Tourismus lebt, viele Einheimische dachten, wir würden unser Haus auch vermieten. Als meine Mutter einem Nachbarn mal erklärte, dass das alles unsere Freunde waren, meinte der nur: »Dann seid ihr selber schuld.«

 

Aus dem Buch: „Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer" (Danko Rabrenović) 

192 Seiten, ISBN: 978-3-8321-6332-7, © 2015, Dumont Verlag Wien // EUR 14,99

Foto oben: © Dejan Saric

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