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Claudia Kottal & Magdalena Żelasko: „Alles – nur kein Einheitsbrei“

08. April 2015 / von / 0 Kommentare

Polen trifft Wien: WIENER VIELFALT traf „Cop Stories“-Schauspielerin Claudia Kottal und Magdalena Żelasko, Organisatorin des LET‘S CEE Film Festivals, zum Mittagessen im Café Kandl im siebten Bezirk. Dort redeten die beiden über ihre polnischen Wurzeln, falsche Toleranz und Wien als Theateroase und Filmwüste.

Interview: Jelena Gučanin | Fotos: Igor Ripak

WV: Das Café Kandl, in dem wir heute sitzen, gehört einer Polin. Welche Verbindung habt ihr zu Polen?

CLAUDIA KOTTAL: Meine Mama ist Polin. Mindestens ein Mal im Jahr bin ich auf Besuch in Polen. Ich wäre gerne öfter dort, ich vermisse es schon wieder. MAGDALENA ŻELASKO: Ich wurde in Krakau geboren und bin mit 19 Jahren nach Wien gekommen. Aber meine Oma hat schon viel früher hier gewohnt, hatte auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Meine Eltern wollten eigentlich dem Kommunismus in Polen entfliehen, aber noch bevor ich studienreif war, war der Kommunismus zu Ende. Wir sind dann 1995 nach Wien gekommen.

WV: Wie war die erste Zeit in Wien für dich?

MAGDALENA: Sie war schwierig. Es hat schon lange gedauert, bis ich die Sprache mühelos beherrscht habe. Ich bin schon als Kind – sofern es möglich war – im Sommer nach Wien gefahren. Aber es war selten, dass die ganze Familie hier Urlaub machen konnte, weil wir nicht alle gleichzeitig aus dem Land durften. Mittlerweile fühle ich mich als Wienerin, mehr sogar als als Krakauerin.

WV: Wie geht ihr damit um, dass Polen so stark katholisch ist?

MAGDALENA: Ich glaube, viele Leute, die im Ausland leben, brauchen so einen Anhaltspunkt für ihre Identität. Das ist für viele Polen hier die Kirche am Rennweg. Das ist wie ein Biotop. CLAUDIA: Ich bin Atheistin und versuche, meiner Oma nicht davon zu erzählen (lacht). Ich habe ein Problem mit der Frauenrolle in Polen. Daran stoße ich mich immer wieder. Viele Frauen würden nie mit einem Mann ausgehen, der nicht die Rechnung zahlt, nicht die Tasche trägt, nicht die Zigarette anzündet. MAGDALENA: In Österreich erwartete ich, dass sich alle Männer auch so verhalten, da war ich schon überrascht (lacht). Für viele polnische Männer ist das so eine Ehrensache.
DSC_1736Claudia Kottal wurde durch ihre Parodie von Laura Rudas in der ORF-Sendung “Wir Staatskünstler” schlagartig bekannt. Seit 2013 spielt sie in der ORF-Serie “Cop Stories” die Bezirksinspektorin Leila Mikulov.

WV: Wie wichtig ist eure Muttersprache Polnisch noch in eurem Leben?

CLAUDIA: Ich rede mit meiner Mutter immer nur Polnisch, es ist total seltsam, wenn sie auf Deutsch etwas zu mir sagt. Ansonsten kenne ich kaum Polen in Wien. Es gibt eine sehr große katholische Community – da gehöre ich aber nicht dazu. Mit meinem Hund spreche ich Polnisch, aber er antwortet nie (lacht). MAGDALENA: Ich spreche zu viel Polnisch. Ich müsste eher an meinem Deutsch feilen (lacht). Meine Eltern und meine Schwester wohnen auch in Österreich. Mit denen habe ich, glaube ich, noch nie Deutsch gesprochen.

WV: Habt ihr das Gefühl, dass Mehrsprachigkeit in Österreich positiv besetzt wird?

MAGDALENA: Es wird immer noch oft differenziert zwischen Sprachen wie Englisch, Französisch und anderen. Obwohl Mehrsprachigkeit allgegenwärtig ist. CLAUDIA: Ich habe schon das Gefühl, dass es es eine neue Generation von toleranten, offenen Weltenbummlern gibt.
Das Café Kandl in der Kandlgasse im 7. Bezirk sollte man nur mit viel Hunger aufsuchen. Die Speisen sind nämlich nicht nur preiswert, sondern vor allem großzügig. Die Besitzerin ist Polin und vereint auf der Speisekarte gekonnt ihr altes und neues Heimatland. 
Im Kandl kommen vor allem LiebhaberInnen polnischer Spezialitäten auf ihre Kosten. 

 

Seien dies die allseits bekannten „Pierogi“ (gefüllte Teigtaschen) oder „Barszcz“, eine köstliche klare rote Rübensuppe - hier bekommt man authentisch Polnisches auf den Tisch und in den Magen.
Im Sommer locken ein schattiger Gastgarten und kühles Bier.

WV: Du bist ja in Fischamend aufgewachsen, war das Klima dort auch so tolerant?

CLAUDIA: Nein, gar nicht. Ich habe das nicht so mitbekommen, aber meine Mutter hat das sehr stark gespürt. Es war das rechteste Dorf in Niederösterreich, von den Wahlergebnissen her. Meine Volksschullehrerin hat uns zur Strafe in der Klasse immer neben die Türkin gesetzt – weil alle hatten Angst vor der Türkin. MAGDALENA: Hast du nicht so gute Erinnerungen an die Schulzeit? CLAUDIA: Ich kann mich nur erinnern, dass ich dazugehören wollte, ich hab’s aber nie. Mittlerweile bin ich froh darüber. Als Kind siehst du das natürlich anders.

WV: Wann bist du nach Wien gekommen?

CLAUDIA: Ins Gymnasium, ich bin aber gependelt und habe als Jugendliche immer noch versucht, cool zu sein in Fischamend (lacht). Mit 16 sind wir dann hergezogen. Aber hier hatte ich anfangs auch Anschlussschwierigkeiten. Aber in Wien habe ich mich immer viel wohler gefühlt. MAGDALENA: Ich denke, was die Akzeptanz angeht, hat sich Wien nach der Wende stark geöffnet – hin zu den Ländern Südost- und Osteuropas.
DSC_1670Magdalena Żelasko, gebürtige Krakauerin, organisiert das LET’S CEE Filmfestival in Wien, das einen Schwerpunkt auf Filme aus Zentral- und Osteuropa setzt.

WV: Was kann man sich unter diesem ,Osteuropa’ gemeinhin vorstellen? Gibt es Klischees, die euch ärgern?

MAGDALENA: Es gibt diesen berühmten Witz über Polen, die Autos stehlen. Aber mittlerweile höre ich den nur noch selten. Trotzdem: jeder, der mir das erzählt, glaubt, ich hätte das noch nie gehört (lacht). Es hat sich aber viel verbessert – besonders was die polnische Community hier betrifft. Man hört schon eher, dass die Polen so fleißig sind. CLAUDIA: Es kommt immer drauf an, wo man sich bewegt. Ich weiß nicht, ob es wirklich besser geworden ist, aber die Leute, mit denen ich zu tun habe, denken einfach nicht so.

WV: Du hast erzählt, du bist in Wien ins Gymnasium gegangen. Hattest du damals schon den Plan, Schauspielerin zu werden?

CLAUDIA: Eigentlich schon, ja. Ich wollte das immer machen, aber ich war mir nicht sicher, ob es das Richtige für mich ist, weil ich als Jugendliche sehr schüchtern war. Ich hatte als Kind schon wahnsinnige Angst vorm Tod. Dann habe ich mir irgendwie gedacht, dass ich berühmt werden muss, damit ich nicht vergessen werde. Ich habe immer gerne gesungen und getanzt – und Schauspielen war der Beruf, wo ich das alles vereinen konnte.

WV: Ist es schwierig, als junge Schauspielerin in Wien an Rollen zu kommen?

CLAUDIA: Ja, es gibt zu viele Schauspieler. Das Leben ist nicht einfach – in den ersten Jahren war ich öfter mal bei der Oma, um nach Geld zu fragen. Was die Theaterlandschaft betrifft, ist Wien aber eine Oase.

WV: Magdalena, du organisiert das LET‘S CEE Film Festival und kritisierst immer wieder die Förderpolitik der Stadt Wien. Warum?

MAGDALENA: Österreich ist vermutlich nicht so Filmfestivalfreundlich wie theaterfreundlich. Seit mehr als drei Jahren gibt es das Festival und letztes Jahr haben wir zum ersten Mal eine Förderung von der Kulturabteilung der Stadt bekommen. Da konnten wir Schulden abbauen, die wir mitgeschleppt hatten. Mit Mitte Dreißig muss ich leben wie manche am Anfang des Studiums: Mama, gib mir einen Hunderter, ich mache ein Filmfestival (lacht). Vom Bund und dem zuständigen Minister Ostermayer bekommen wir nach wie vor nichts. Dabei hatten wir letztes Jahr mehr als 13.000 Zuschauer.

WV: Was erwartet die Besucher-Innen beim LET‘S CEE 2015?

MAGDALENA: Alles – nur kein Einheitsbrei (lacht).

WV: Was hast du aus den letzten Jahren gelernt?

MAGDALENA: Ich bin realistischer geworden. Am Anfang habe ich gedacht, ich habe ein gutes Projekt, das zu Wien passt wie zu keiner anderen Stadt und es wird offen angenommen. Mittlerweile weiß ich, es ist ein harter Kampf. In Wirklichkeit weiß das Publikum zuerst, was gut ist – erst dann folgen die Entscheidungsträger. Man muss ja nicht Polin sein, um polnische Filme zu mögen.

WV: Claudia, du hast in Interviews öfter erwähnt, dass du bei Rollenbesetzungen gern in die „Migrantinnen-Ecke“ geschoben wirst. Warum?

CLAUDIA: Eine Zeit lang hat sich das so gehäuft, dass ich drei serbische Prostituierte nacheinander gespielt habe (lacht). Mit Akzent natürlich. Oft habe ich gehört: ,Österreich ist noch nicht bereit für dich, weil du so exotisch bist.’ MAGDALENA: Ja, Polen ist ja auch wahnsinnig exotisch…

WV: Richtig bekannt wurdest du mit deiner Rolle als Laura Rudas bei der ORF-Sendung „Wir Staatskünstler“. Wie bereitest du dich auf solche Rollen vor?

CLAUDIA: Ich habe mir zum Glück YouTube-Videos am Abend vorher angesehen. Aber der Alex Wrabetz war die viel schwierigere Rolle.

WV: Du warst schon einmal für den Nestroy-Preis nominiert, und hast den Outstandig Artist Award des Kulturministeriums bekommen. Wie wichtig sind dir diese Preise?

CLAUDIA: Es ist wichtig für die Branche, weil Leute auf dich zukommen. Es gibt leider einen Graben zwischen der freien Szene und den staatlichen Theatern.

WV: Wie steht es hier um die Filmfestivallandschaft in Wien?

MAGDALENA: Wir gönnen der Viennale jeden Cent, keine Frage – aber wir wünschen uns schon, dass man kleinere Festivals auch entsprechend unterstützt. Wenn du ein halbes Jahr damit verbringst, dir Sorgen zu machen, ob das Festival überhaupt stattfinden kann, dann kannst du dich kaum weiterentwickeln. Es ist immer wieder eine Herausforderung. Wenn uns die Stadt Wien unterstützt, zeigt sie auch Respekt gegenüber der Hälfte der Wiener Bevölkerung – den MigrantInnen. Es wäre an der Zeit, diese Filme, diese Sprachen, diese Kulturen stärker zu fördern.

WV: Zum Schluss: Habt ihr gerade einen Lieblingsfilm, den ihr unseren LeserInnen empfehlen könnt?

CLAUDIA: Ich würde den französischen Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ aus dem Jahr 2012 empfehlen – ein großartiger Film und eine tolle Hauptdarstellerin. MAGDALENA: Der Film „Bridges of Sarajevo“, den wir im Mai ihm Rahmen der fünften Wiener Integrationswoche zeigen werden. Ich wünsche mir, dass auch Wien endlich erkennt, dass es eine Brückenstadt ist – und immer war.

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