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Clara Luzia: „Im fröhlichen Rausch liegt immer eine Schwere“

09. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

Die Musikerin Clara Luzia schreibt Songs, die berühren. Im Interview verrät sie, was sie inspiriert, warum sie oft grantig ist und das „Prückel“ nie ihr Lieblingsort war.

Interview: Dino Šoše | Fotos: Michael Mazohl

WV: Wann und wie hast du die Musik für dich entdeckt?

CLARA LUZIA: Eine kleine Initialzündung war wahrscheinlich, als ich irgendwann mit meiner besten Freundin in der Volksschule beschlossen habe, dass wir ein Lied für den Songcontest schreiben. „Du und der Wind“ hat es geheißen. In den Freundschaftsbüchern habe ich unter Wunschberuf immer Popsängerin geschrieben, obwohl ich damals noch gar nicht gesungen habe. Aus irgendeinem Grund war das immer klar, aber ich weiß nicht ganz warum. Alle drei Kinder daheim haben Musikinstrumente gelernt. Ich habe immer mit Musik zu tun gehabt, aber mit Popmusik gar nicht so viel. Die Eltern meiner Freundin hatten eine riesige Plattensammlung. Da haben wir uns immer durchgewühlt und Mixtapes gemacht.

WV: Welchen Musikgeschmack hattest du zu dieser Zeit?

CLARA: Es waren die üblichen Verdächtigen der 80er Jahre: Madonna, Michael Jackson und dann auch STS und so. MTV kam erst viel später. Wir hatten das auch gar nicht zuhause. Meine Eltern hatten nur den ORF, aber jetzt bin ich eh froh darüber. Aber die Plattensammlung der Eltern meiner besten Freundin hat mich schon in die Richtung gelenkt und inspiriert, auch wenn es mir gar nicht so bewusst war.

WV: Wie hat sich deine musikalische Stilrichtung entwickelt?

CLARA: In meinen Teenie-Jahren stand ich total auf Janis Joplin. Das hat mir sehr imponiert und dann habe ich in den Sturm und Drang Jahren der Pubertät angefangen, Lieder zu schreiben. Ich bin da irgendwie reingerutscht.

WV: Kann man echte traurige Lieder schreiben und trotzdem glücklich sein?

CLARA: Das eine schließt das andere nicht aus. Man kann grundsätzlich glücklich sein, aber eine recht melancholische Ader haben.

WV: Und die Traurigkeit passt eher zu dir?

Clara: Ich habe eine grundsätzliche kleine Schwermut. Als Kind war ich sehr fröhlich, dann hat mich die Pubertät dahingerafft und seitdem hadere ich ein bisschen. Ich tu mir wirklich schwer, fröhliche Lieder zu schreiben. Als Zuhörerin muss ich sagen, dass ich auch einfach traurige Lieder mag. Ich empfinde dann mehr, als bei einem fröhlichen Lied. Die große Kunst ist, ein fröhliches Lied zu schreiben, das trotzdem einen gewissen melancholischen Touch hat und in die Tiefe geht. Jelena (Popržan, Anm.) macht das zum Beispiel sehr gut. Sie hat viele Nummern, die eigentlich sehr fröhlich wirken und du kannst mittanzen, aber dann merkst du, dass da doch, ganz unten, eine tiefe Traurigkeit ist. Traurigkeit und Glück schließen sich gegenseitig nicht aus. Im fröhlichsten Rausch liegt letztendlich immer auch eine gewisse Schwere.

WV: Warum schreibst du deine Lieder nicht in deiner Muttersprache?

CLARA: Dadurch dass Englisch nicht meine Muttersprache ist, ist es etwas assoziativer. Im Englischen kann ich viel geradliniger und direkter schreiben. Aber ich würde auch gerne wieder auf Deutsch schreiben. Deutsch ist auch nicht die leichteste Sprache. Sie ist recht hart und nicht wahnsinnig melodisch. Meine deutschen Texte waren immer sehr kopflastig.

WV: Würdest du dich als Wiener Popstar bezeichnen?

CLARA: (lacht) Nein. Wien braucht seine Popstars, die haben wir gar nicht. Das liegt aber auch an der Infrastruktur. Ö3 hat lange Zeit keine heimischen Sachen gespielt und fängt jetzt ein bisschen damit an. FM4 hat so richtigen Pop auch nicht gespielt. Das merkt man jetzt.

WV: Was kann dich inspirieren?

CLARA: Das Leben an sich. Das brütet ja meist schon recht lang vor sich hin, irgendein Thema oder ein Satz oder ein Wort, und irgendwann will es dann raus.

WV: Ich habe gelesen, dass du gesagt hast: „Privat bin ich nicht so nett, wie auf der Bühne.“ Stimmt das?

CLARA: Ja, klar. Aber ich arbeite daran.

WV: Jetzt merke ich aber, dass du ziemlich nett bist.

CLARA: Ja (lacht). Ich kann schon sehr unnett sein. Ich bin oft grantig. Ich neige dazu, in meinem Grant zu baden. Ich würde aber nicht sagen, dass ich mich verstelle. Zu unterschiedlichen Zeiten lasse ich unterschiedliche Teile von mir heraus. Man ist ja kein eindimensionaler Mensch.

WV: 2008 warst du Jurorin beim Protest-Song Contest. Was hältst du von Conchita Wurst und ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest?

CLARA: Ich hab mich ur gefreut. Ich war selber überrascht, dass ich dermaßen ausrasten kann, wegen einer Punktevergabe beim Song Contest. Ihre Lieder sind jetzt nicht meins, aber ich finde Conchita Wurst gut und wichtig.

WV: Sind wir wirklich so offen in unserer Gesellschaft?

CLARA: Nein. Conchita Wurst ist Avantgarde. Aber es war dann sehr erstaunlich, kaum war der internationale Erfolg da, fanden plötzlich alle Conchita Wurst super. Und vorher wurde doch recht viel gespottet. Sobald etwas erfolgreich wird, sind plötzlich alle unglaublich tolerant und eh immer schon für die Rechte aller gewesen. Das ist natürlich zu einem großen Teil Bigotterie und ich glaube auch, dass die Gesellschaft in Österreich nicht so weit ist, wie Conchita Wurst es wirken lassen mag.

WV: Sag mal, knutschst Du gerne mit deiner Partnerin in Wiener Kaffeehäusern?

CLARA: (lacht) Nein. Die ganze Prückel-Affäre ist jämmerlich. Mich hat es nicht wahnsinnig überrascht, weil man bei solchen Kaffeehäusern eh schon sieht, in welche Richtung es geht. Das Prückel war nie mein Lieblingsort. Natürlich hab ich schon geschluckt, dass sich jemand laut sagen traut: „Geht‘s raus, weil ihr eure Andersartigkeit nicht zur Schau stellen dürft.“ Es ist harter Tobak. Ich fand es gut, dass es danach so einen Aufschrei gab. Im Prückel gab es schon in den 90er und in den 2000er Jahren so einen Vorfall und da kann ich mich jetzt nicht erinnern, dass es so einen Wirbel darum gab. Insofern dürfte es schon langsam in der Mitte der Gesellschaft ankommen, dass „Andersartigkeit“ kein Kriterium ist. Man lässt heute mehr Lebensweisen zu. Es wird natürlich immer Leute geben, die sich davon bedroht fühlen. Das ist leider ein sehr menschlicher Zug, den wir nie loswerden.

WV: Du hast dich zusammen mit Greenpeace für den Schutz der Arktis eingesetzt, indem du deinen Song „We are Fish“ für einen Awarenessclip zur Verfügung gestellt hast. Wie setzt Du dich privat für die Umwelt ein?

CLARA: Das Thema Umwelt ist sehr wichtig für mich. Ich möchte meinen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich halten, aber ich weiß, dass da immer Platz nach oben ist. Das ist für mich alles eigentlich dasselbe Thema, eben auch Antirassismus-Arbeit, Antidiskriminierungs-Arbeit und Umweltschutz. Es geht immer darum, wie ich mit meiner Umwelt umgehe, seien es die Mitmenschen oder die Natur, die mich umgibt. Es ist für alle ein Geben und Nehmen, daher muss eine Balance bestehen bleiben. Diese Balance sehe ich oft missachtet.

WV: Und zum Schluss, eine profane Frage: Was ist die Message deiner Songs?

CLARA: Primär ist es so, dass ich etwas erzählen möchte. Eine Message zu verbreiten und zu predigen – das ist nicht so meins. Ich texte relativ verschlüsselt. Man kann in meine Songs eine Menge hineininterpretieren. Das mache ich absichtlich. Ich weiß, worum es für mich geht, höre aber immer die wüstesten Interpretationen. Das finde ich aber schön. Jeder kann sich aus meinen Songs nehmen, was er will. Grundsätzlich ist Musik für mich ein Weg oder der Versuch, die Welt und das Leben zu verstehen, da das alles doch hochkomplex ist. Musik ist für mich eine Art des Sortierens. Die vielen Eindrücke, die ich jeden Tag sammle, kann ich beim Musikschreiben ein bisschen ordnen.
 

Zur Person

Clara Luzia gründete mit 21 Jahren ihre erste Band. Seit 2006 ist sie erfolgreiche Solokünstlerin. 2008 bekam sie den Amadeus Austrian Music Award in der Kategorie „FM4 Alternative Act“.

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