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Catch-Pop String-Strong: „Menschen brauchen Schubladen“

10. Juni 2015 / von / 0 Kommentare

Die Musikerinnen Jelena Popržan und Rina Kaçinari alias Catch-Pop String-Strong im Interview über Bio-Balkanesinnen, Turbofolk und Schubladendenken.

Interview: Dino Šoše| Fotos: Michael Mazohl

WV: Warum habt ihr mich in den „Rüdigerhof“ bestellt? Hat das Lokal eine besondere Bedeutung für euch?

JELENA POPRŽAN: Ich mag die Atmosphäre in den Wiener Gast- und Kaffeehäusern, mit den entsprechenden KellnerInnen. Hier mag ich den Garten und die Architektur besonders. Außerdem haben wir hier unser erstes Interview gegeben. Das war 2009 und ich fand es sympathisch, wieder hier Interviews zu geben.

WV: Seit 2009 heißt eure Band Catch-Pop String-Strong. Sollten Künstler-Innen nicht einen einfacheren Namen wählen, um CDs besser verkaufen zu können?

RINA KAÇINARI: Das spielt in unserem Fall keine große Rolle. Viele finden den Namen jedoch sperrig, aber das sind vier einfache, englische Silben. Im Vergleich zu unseren bürgerlichen Namen ist das sicher einfacher. Catch steht übrigens für Kaçinari, Pop für Popržan und String-Strong erklärt sich von selbst.

WV: Welche Stile fließen in eure Musik ein und kann man euren Stil überhaupt in eine Schublade stecken?

JELENA: Wir arbeiten seit 2008 zusammen und haben 2 CDs produziert. Im ersten Programm haben wir alles, was uns musikalisch bisher geprägt hat, zusammengefasst. Rock, Pop, Klassik, Folk, Improvisation als auch klassische Elemente. Teilweise haben wir auch traditionelle Motive unserer Herkunftsländer verarbeitet. Mit dem Lied „Turbofolk Queen or Slavica the Cleaning Maid“ von Richard Schuberth haben wir versucht, ein kritisches Statement zu setzen. Dieser Song war eine vorauseilende Antwort auf die Exotisierung, Ethnisierung und Schubladisierung, der auch wir hin und wieder ausgesetzt sind. Doch mir ist die inhaltliche, sprachliche Ebene auch sehr wichtig, weshalb wir gerne Texte von Brecht, Schuberth, Kraus und Nestroy singen. Das Einordnen in eine Stilrichtung sehe ich als problematisch und schwierig an. Menschen brauchen Schubladen und müssen Dinge benennen. Der Markt braucht das auch. RINA: Dadurch, dass wir Musik mit Viola, Cello und Gesang machen, ist sie schon schwer einzuordnen. Letztendlich haben wir etwas ganz anderes und eigenes kreiert. Beim Erarbeiten der zweiten Platte, die hauptsächlich aus unseren eigenen Kompositionen besteht, sind die Einflüsse ähnlich geblieben, doch die Musik hat eine konkretere Richtung gefunden.

WV: Irre ich mich, oder mixt ihr gerne traditionelle mit klassischen musikalischen Elementen?

JELENA: Ich habe erst in Wien geschafft, die reine Schönheit von Volksmusik zu erfassen, befreit von den schlechten Konnotationen, die sie am Balkan vor allem durch den Turbo-Folk, eine neukomponierte, volkstümliche Musikrichtung, bekommen hat. Aber eigentlich ist in unserer Musik weniger Volksmusikalisches, als allgemein eininterpretiert wird. RINA: Natürlich kommen wir vom Balkan. Das wollen wir auch gar nicht verleugnen, viel eher stehen wir dazu. Doch auch ich würde nicht sagen, dass wir Balkanmusik spielen.

WV: „Eine Wahnsinnsmischung aus Elementen der Volksmusik, Unverschämtheit und Pop“, nannte Thomas Wörderhoff, Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, eure Musik. Warum unverschämt?

JELENA: Das habe ich auch nicht verstanden. Er hat es eh nett gemein. Wenn er Unverschämtheit positiv konnotiert, dann kann er nur „frech“ oder „direkt“ meinen. Wenn man diese Eigenschaft jedoch allen Menschen, die vom Balkan kommen, zuschreibt, ist das eine schematische und generalisierte Ansicht und kann nur falsch sein. Vielleicht mischen wir auch „unverschämt“ viele Gattungen und Stile. Wobei ich anmerken muss, dass alle neueren Musikstile eine Fusion sind. Ohne dieses Durchmischen hätte sich die Kunst gar nicht entwickeln können. RINA: Ich glaube, das ist deutscher Humor. Wahrscheinlich ist das ein Ausdruck für Verblüfftheit, weil es so eine Art Musik zu machen nicht so oft gibt.

WV: Wie oft werdet ihr in Interviews darauf angesprochen, dass eine Serbin mit einer Kosovo-Albanerin zusammenspielt?

JELENA: Die Frage, genauso wie du sie gestellt hast, bekommen wir am häufigsten gestellt: Wie oft wir gefragt werden. Wir werden immer seltener gefragt, wie das ist, wenn eine Serbin mit einer Kosovo-Albanerin zusammenspielt – gut so.

WV: „Integration durch Leistung“ - ist dies ein Plädoyer, mit dem ihr euch identifizieren könnt?

RINA: Haben wir etwas geleistet? Oder haben wir uns integriert? JELENA: Diese Aufforderung grenzt an Unverschämtheit, weil sie sich an genau die richtet, die am meisten leisten.

WV: Lasst mich das umformulieren: Fühlt ihr euch durch eure Musik besser in der Gesellschaft aufgenommen?

JELENA: Das können wir nicht beurteilen, da wir das Leben ohne Musik nicht kennen. Doch wenn ich ins Gespräch mit „urechten“ Österreichern komme und diese Forderungen entblößen möchte, weichen sie der Thematik stets mit „Na na, du bist damit eh nicht gemeint!“ aus.

WV: Inwieweit ist man als Weltmusikschaffender im Vorteil, wenn man einen Migrationshintergrund hat?

RINA: In Wien gibt es so viele Musiker aus der ganzen Welt. Für mich ist das gemeinsame Musizieren mit denen das Spannendste. In diesen Momenten zählt nur die Musik, und ich bin froh, all diese Stilrichtungen kennenzulernen und zu erkennen, was die Künstler durch ihre Musik sagen wollen.

WV: Aber in der Kunstszene kann es bestimmt von Vorteil sein, wenn der Normalzustand bereits ,exotisch‘ ist. Ich komme beispielsweise aus Bosnien und dadurch bin ich schon exotischer als all jene, die aus dem 12. Bezirk kommen. So seid ihr im Normalzustand Balkanesinnen.

JELENA: Bio-Balkanesinnen. Dass wir so gut beim Publikum ankommen, hat gewiss mit unserer musikalischen Qualität zu tun. Doch ich bin mir sicher, dass dies nicht der einzige Grund ist. Auf jeden Fall haben wir einen Exotinnen-Bonus, zumindest in Wien. Je weiter wir uns von diesem Klima und Gedankengut entfernen, desto mehr bleiben wir von diesen Konnotationen verschont und desto reiner wird unsere Musik. Hier in Westeuropa, speziell in Deutschland und Österreich, spielt der Migrationshintergrund sehr wohl eine Rolle.

WV: Ihr habt auch schon das Arbeiterinnenlied „La Lega“ angestimmt. Warum ist es wichtig, heute noch für Frauenrechte zu kämpfen?

JELENA: Das ist ganz einfach. Vor ungefähr 100 Jahren hat die Frauenbewegung begonnen, Forderungen für die Gleichstellung der Frauen zu stellen. Diese sind bis heute nicht erfüllt worden. Das ist für uns schon Grund genug.

WV: Was würdet ihr eurem 20-jährigen Selbst heute empfehlen?

JELENA: Gar nichts. Einer 20-Jährigen kann man nichts sagen. RINA: Mit 20 bin ich nach Österreich gekommen. Das, was ich mir damals gewünscht habe, das passt heute auch so. Ändern würde ich nichts. Also ist meine Botschaft an mich selbst: Weiter so! Gut gemacht!

WV: Spielt ihr auch auf Hochzeiten?

JELENA: Nur auf der dreitägigen! Aber tanzen tun wir auf jeder. [lacht]

WV: Übrigens, verfolgt ihr die Nachrichten? Heute empfängt der albanische Premier zum ersten Mal seinen serbischen Amtskollegen.

RINA: Darf ich fragen, wer der albanische Premier ist? [lacht]

 

4 Antworten ohne Worte 

Wie seht ihr bei Stimmübungen aus?

Wie beschreibt ihr eure Beziehung zueinander?

Eure Körperhaltung nach einem Konzert?

Habt ihr den Song Contest verfolgt?

 

Zu den Personen

Das Duo Catch-Pop String-Strong mit Rina Kaçinari (Cello, Gesang) und Jelena Popržan (Viola, Gesang) wurde 2009 gegründet und hat bereits zahlreiche Preise gewonnen. Mit ihrer einzigartigen Bühnenpräsenz, überraschenden Elementen, komödiantischen Einlagen und ihrem für zwei Streichinstrumente ungewöhnlichen Groove stellen sie eine erfrischende Ausnahme in der hiesigen Musiklandschaft dar.


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