irinajpg

Wien als Modemetropole: Avocado-Maki, Petticoats und Füchse

11. Juni 2015 / von / 0 Kommentare

In Wien passiert alles später, heißt es ja bekanntlich – so auch in der Mode. Dass die Stadt dennoch langsam zur hippen Modemetropole wird, ist ihnen zu verdanken: Wiens jungen DesignerInnen. WIENER VIELFALT hat sie besucht.

Story: Márcia Neves | Fotos: Igor Ripak

Das Wort Metropole stammt ursprünglich aus dem Griechischen „mitrópoli“ und bedeutet im übertragenen Sinne „Mutterstadt“. Die alten Griechen bezeichneten damit zentrale Orte, die großen Einfluss besaßen und somit als Machtzentren galten. Auch heute noch wird der Begriff für Städte verwendet, die durch ihre Vorbildfunktion internationale Bezugspunkte darstellen. Wien gilt allerdings in aller Munde als verschlafene Großstadt mit traditionellem Flair und ist, trotz der alljährlichen Fashionweek, weit davon entfernt, sich mit Metropole betiteln zu dürfen.

Doch so verschlafen ist Wien längst nicht mehr, denn es entwickelt sich langsam zu einer modebewussten Stadt. Seit einigen Jahren sprießen talentierte JungdesignerInnen im Sekundentakt aus dem Boden und etablieren sich mit ihren Kreationen abseits der Massenmode. Sich hierzulande einen Namen zu machen, ist allerdings keine leichte Kunst, denn im Gegensatz zu London oder Berlin, hinkt unser schönes Wien in Sachen Mode noch etwas hinterher.

Wer regelmäßig durch Pop-Up Märkte schlendert, dem sind die Namen LUFTKUSS und Dead Souls Clothing nicht fremd. Irina Hofer hingegen betreibt ein kleines Atelier im vierten Bezirk und verzaubert die Welt mit ihren Kreationen im 50er-Jahre Stil. Dass sie alle einmal von ihren Designs leben würden, hätte sich keiner von ihnen gedacht. Angefangen haben sie als kleine Aussteller auf Wiens unzähligen Flohmärkten und nun betreiben sie Online-Shops oder ganz traditionell Ateliers, wo den KundInnen die Kleidung passend genau auf den Körper genäht wird.

„Ich will Frauen ein ‚Werkzeug’ geben, das sie dabei unterstützt nach außen zu tragen und auszudrücken was sie fühlen – stark, weiblich, sinnlich und das Ganze immer mit einem Augenzwinkern.“

So die junge Irina Hofer, die man mit ihrem Hund Fabio in ihrem schicken Atelier, eingerichtet im 50er-Jahre Stil, antrifft. Sie arbeitet hauptberuflich als Modeschöpferin und kann ihre Gedanken nie ganz von der Arbeit abwenden. Sich selbst sieht sie als „pausenlose Beobachterin und Genießerin von Ästhetik“. Ein Talent, welches sie ihrem Studium der Kunstgeschichte zu verdanken hat. Ihre Arbeit richtet sich an Frauen, die genau wissen, was sie wollen, aber bisher nie fündig geworden sind. Da sie oft auf ihren einzigartigen Kleidungsstil angesprochen wurde, begann sie an eigenen Designs zu feilen. Ideen und Inspiration findet sie überall. „Oft sehe ich einen Stoff und vor dem inneren Auge sehe ich das fertige Kleidungsstück, das daraus entstehen ‚will’“, erklärt sie. Eine andere Herangehensweise ist das Gestalten für einen bestimmten Anlass. Dafür inspiriert sie sich vor allem an der bildenden Kunst und den Designs der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, welche „überformt, erweitert oder reduziert, wunderbar ins Hier und Jetzt übertragen werden können“.

Die Designerin Irina Hofer liebt die Mode der 50er-Jahre.

Für Irina besitzt Kleidung eine unglaubliche Kraft. Beobachtet hat sie dieses Phänomen erstmals an sich selbst: „Ohne, dass wir durch Worte unserer Umwelt etwas mitteilen konnten, hat unser Auftreten schon sehr viel verraten und dabei spielt die Kleidung natürlich eine sehr große Rolle“, so Irina. Dass sich ihre kreative Ader stark in dem ausdrückt, was und wie sie es trägt, hat sie bereits als Kleinkind festgestellt. Zu der Zeit beschloss sie keine Kleider mehr zu tragen. In der Zwischenzeit hat sich das geändert.

„So sammelte ich schon damals T-Shirts wie ein Wahnsinniger, meine Mama machte sich schon Sorgen.“

Das komplette Gegenstück zu Irina Hofer bildet das Label Dead Souls Clothing. Mit einem breiten Lausbub-Grinsen rollt Kevin Nowak, Gründer des Labels, auf seinem Skateboard zu uns in die Redaktion. Er trägt seine eigene Kreation: ein kurzärmeliges Hemd, auf dem unzählige Füchse abgebildet sind. Die One-Man-Show wurde Mitte 2010 ins Leben gerufen und sticht vor allem durch ausgefallene Grafiken und Designideen hervor. Die Produktauswahl ist vielfältig und reicht von T-Shirts, Hemden, Hoodies, bis hin zu Accessoires wie Rucksäcken, Sonnenbrillen, Caps und sogar Skateboards. Wichtig ist dem Designer, dass jedes Kleidungsstück seinen eigenen Schnitt hat und keine fertigen Rohlinge verwendet werden. Zudem ist Kevins größtes Anliegen auch, dass „bis zum fertigen Produkt alle Prozess sweatshop-free verlaufen“. Ein Gespür für Mode hatte er schon immer. „Seit meiner Pubertät fasziniert mich, was mit ein bisschen Stoff alles möglich ist. So sammelte ich schon damals T-Shirts wie ein Wahnsinniger, meine Mama machte sich schon Sorgen“, erzählt er.

Kevin Nowak gründete das Label Dead Souls Clothing im Jahr 2010.

Für sein Maturaprojekt begann er mit den ersten Designs und so kamen schlussendlich die ersten Produkte auf den Markt. Seine Wurzeln hat das Label im urbanen Bereich, genauer gesagt im Skateboarding. Die Grafiken auf den Skateboards haben ihn schon immer begeistert. „Das hat mich wahrscheinlich auch dazu gebracht später Grafikdesign zu studieren, was mir natürlich sehr hilft, unabhängig beim Designen der Produkte zu sein“, erzählt Kevin. Der Designer selbst steht schon viele Jahre auf dem Rollbrett und kennt daher die Wiener Skater-Szene sehr gut. Seine Designs haben sich daraufhin in der Szene sehr schnell herumgesprochen. Dennoch möchte Kevin seinen Traum vorerst noch nicht zum Hauptberuf machen, da sein Bachelorabschluss an erster Stelle steht. Sein Motto für 2015 ist „back to the roots“. Er möchte wieder mehr in Richtung Analog gehen und „mehr mit den Händen machen, denn „dadurch bekommt die Arbeit einen ganz anderen Wert“.

„Hallo, mein Name ist Hanna. Ich liebe gehaltvolle Gespräche, Avocado-Maki und die ersten Sonnenstrahlen im Jahr.“

Mit diesem Satz voller junger Unschuld, öffnet Hanna Oldofredi, Gründerin der Schmuckmarke LUFTKUSS, die Tür zu den heiligen Hallen, wo ihr „Luftgeküsse“ nun schon seit fast zwei Jahren stattfindet. Jedes Produkt wird zu ihrem kleinen Baby, denn jeder einzelne Arbeitsschritt – von der Idee bis zum Verpacken – passiert auf ihrem feuerrot lackierten Schreibtisch. Basteln war schon immer ihr liebstes Hobby. Wer mit Eltern aufwächst, die selbst jahrelang im Kunstgewerbe tätig waren, dem kann die kreative Ader nur in die Wiege gelegt worden sein. Doch Hanna sieht das anders. Ihre Eltern haben ihr und ihren Brüdern zwar immer viel Anreiz geboten, neue Dinge auszuprobieren, sei dies Nähen, Malen, Schreiben oder Singen, doch „Kreativität ist uns allen geschenkt, davon bin ich überzeugt. Ich kenne niemanden, der keine Freude daran hat, Neues zu kreieren. Die Frage heißt also nicht, woher ich Kreativität schöpfe, sondern was ich aus ihr schöpfen kann und mag“, so Hanna.

Obwohl sie ursprünglich nur „Spaß am Sachen-Machen“ hatte und niemals geglaubt hätte so erfolgreich zu werden, ist sie seit Kurzem selbstständig und arbeitet nun von ihrem roten Schreibtisch aus. Für sie selbst fühlt es sich noch nicht so an, als habe sie mit ihrem Schmuckunternehmen Fuß gefasst, dennoch liebt sie ihre Arbeit so sehr, dass sie gerne jede freie Sekunde dafür in Anspruch nimmt. Man muss sich Hanna ungefähr so vorstellen: „Ich sitze in meinem kleinen Arbeitszimmer, habe die Möglichkeit zu Basteln und zu Kreieren, tu da fröhlich vor mich hin werkeln und schicke die fertigen Stücke an liebe, mir völlig unbekannte Leute, die mich dafür bezahlen. Das ist einfach großartig und unglaublich, sowohl heute wie auch am ersten Tag.“

Hanna Oldofredi ist Gründerin der Schmuckmarke LUFTKUSS.

Mit ein bisschen Glück und Zufall hat sie den passenden Markennamen in einer Vorlesung für Phonetik gefunden. Zu der Zeit war sie schon verzweifelt und als sie dann das Symbol„Kreis-mit-Punkt-drin“ in ihrem Phonetikbuch entdeckte, wurde ihr Interesse geweckt. „Es steht für den bilabialen Klick und dieser klingt zum Verwechseln ähnlich wie – und jetzt kommt’s – das ‚Schmatzen‘ eines Luftkusses. Als ich das gelesen habe, wusste ich sofort – das ist er, DER Name“, erzählt Hanna.

Obwohl Wien nach außen hin noch recht verschlafen in Sachen Mode und Design wirkt, brodeln die ersten kreativen Köpfe bereits an der Oberfläche und versuchen sich in der l(i)ebenswertesten Stadt der Welt einen Namen zu machen. Irina, Kevin und Hanna sind nur drei talentierte JungdesignerInnen unter vielen. Wer regelmäßig auf Pop-Up Märkten vorbeischaut, wird sicher den einen oder anderen Schatz finden. Wien wacht nämlich langsam auf und entwickelt sich zu einer modebewussten Stadt. Vielleicht werden Irina, Kevin, Hanna und alle anderen „SelbermacherInnen“ sie ja bald in eine Modemetropole verwandeln.


Kommentieren


+ 6 = 11