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„Augustin“ feiert 20-jähriges Jubiläum

26. Februar 2015 / von / 0 Kommentare

Er ist allen WienerInnen ein Begriff: der „Augustin“. Im Oktober 1995 erschien die erste Nummer der Straßenzeitung – 24 Seiten dünn, einmal im Monat, in einer Auflage von 6.000 Stück, vertrieben von sechs Wiener Obdachlosen-Originalen. Nun feiert der „Augustin“ sein 20-jähriges Jubiläum.

An die Anfangszeit erinnern sich die meisten nicht mehr: Die Jahre des Durchbruchs und der steten Aufwärtsbewegung in Richtung „Wiener Institution“ sind in Vergessenheit geraten – auch weil die Vergleichsdaten aus der aktuellen Augustin-Statistik für allzu selbstverständlich gehalten werden: 14-tägiges Erscheinen, Umfang 48 Seiten, verkaufte Auflage 25.000, mehr als 500 Verkäufer_innen, Eigenfinanzierung, Einstieg in die Medien Radio und Fernsehen. Nicht zu vergessen die produktive „Verzettelung“: Augustin-Kolporteur_innen können sich in Sport, Theater, Musik, Literatur und Aktionismus bewähren. Dieser so sinnvoll verästelte Augustin feiert heuer sein 20-jähriges Jubiläum, und die zwei Jahrzehnte reichten aus, um den meisten Bewohner_innen Wiens als soziales Markenzeichen, mehr noch: als soziales Gewissen der Stadt vertraut zu werden.

Vorurteile: „Bettelmafia“ & Co.

In diese Wertschätzung mischen sich aber auch Vorbehalte, Unterstellungen und Hypothesen. Einer davon ist etwa, der Augustin arbeite einer Bettelmafia“ in die Hände. Ein zweiter Vorbehalt ist, der Augustin sei ursprünglich als Hilfe für die eigenen Armen“ gegründet worden. Zum ersten wäre zu sagen, dass die ,Bettlermafia’ nur in den Hirnen von Klatschjournalist_innen und Oberpolizist_innen existiert“, heißt es in einer Aussendung des Augustin“. Und weiter: Zum zweiten Einwand wiederholen wir das oft Gesagte: Die Vertriebsorganisation des Augustin fragt niemanden nach Pass, Herkunft oder Hautfarbe der Anwärter oder Anwärterinnen. Das Vertriebsbüro ist eine polyglotte  kosmopolitische Wärmestube, wie sie sonst nirgends in Wien zu finden ist.“

Die Zielsetzungen: sozial und medial

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums formuliert der Augustin“ die Herausforderungen der beiden Säulen des Projektes – soziale und mediale Arbeit – in seiner Aussendung:

Als Sozialprojekt wirkt der Augustin als Bündel von Lösungsansätzen dafür, wie innerhalb der Zivilgesellschaft die Mittel zum guten Leben und zum Überleben zugunsten der Ärmsten umverteilt werden können; die große, wirkliche und vom Staat betriebene Umverteilung, die die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, liegt außerhalb unseres Handlungsfelds. Was aber machbar ist: Als soziales Experiment stellt der Augustin ein Testgelände nicht kontrollierender Sozialarbeit dar. Die Augustin-Sozialarbeit lehnt alle Formen von Verfolgungsbetreuung“ ab. Sie fördert die Selbständigkeit der Betroffenen, akzeptiert ihr So-sein, vermeidet jeden Leistungsdruck, handelt gegen Spaltungsversuche (brave Augustinverkäufer, böse Bettler; Inländer, Ausländer“ etc).

Als Medium will sich der Augustin als Stadtzeitung positionieren, die Randgruppen eine Plattform bietet. Seine Berichterstattung soll einen Beitrag leisten, um dem Ausschluss unerwünschter Milieus aus dem öffentlichen Raum entgegenzutreten. Augustin-Journalismus ermutigt, Utopien in den Alltag eindringen zu lassen; als schönste Utopie begreifen wir eine Gesellschaft, deren Mitglieder ohne Angst anders sein können. Als Gesamtkunstwerk kann der Augustin auf zwei Jahrzehnte seines basisdemokratischen, konsensorientierten Organisationsmodells zurückblicken.

Fulminanter Start ins Jubiläumsjahr

Die große Jubiläumsparty soll am 16. Oktober stattfinden, Details werden noch bekannt gegeben. Aber schon im Verlauf des ganzes Jahres soll die Feierlaune «eskalieren», wie es in der Aussendung heißt.  Der Reigen der Geburtstagsevents begann mit der Premiere von Peter Turrinis Sauschlachten“, interpretiert von der Augustin-Schauspieltruppe 11%K.Theater“ am Samstag, 24. Jänner. Am Freitag, 13. Februar wechselten Augustin-Verkäufer_innen faschingsgemäß ihre Rollen und verunsicherten das Wiener Linien-Netz als Kontrolleure“.

 

Weitere Events:

Aktion «Pflückpoesie statt City-Branding»

Der Augustin lädt alle Interessierten zu einem zweistündigen Workshop mit  Helmut Seethaler ein, wo sowohl über die Technik des Zettelklebens als auch über die gesetzlichen Rahmenbedingungen informiert wird. Die Teilnehmer_innen werden ersucht, eigene oder entlehnte Pflückgedichte in ausreichender Zahl (auf Zetteln von maximal A4-Größe) mitzunehmen. Nach dem Workshop verstreuen sich die Teilnehmer_innnen kleingruppenweise in der ganzen Stadt, hinterlassen ihre Texte und dokumentieren, wie «die Stadt» (u. a. in Form von Behörden) auf die Produkte der «hundert Seethalers» reagiert.

Termin: Fr, 13. März 2015, 13.00 Uhr
Treffpunkt: Augustin (im Hof), Reinprechtsdorferstraße 31, 1050 Wien
Infos zu F13 (Freitag der Dreizehnte): www.f13.atfb-event

 

Chor Stimmgewitter: Auftritt des AUGUSTIN a capella Chor

Aktuelle Single: STIMMGEWITTER & BO CANDY & HIS BROKEN HEARTS «HALT DICH AN DEINER LIEBE FEST»/ «GEH IN OASCH» (7″ Vinyl Single)

Termin: Fr, 13. März 2015, 22.00 Uhr
Ort: Nachtasyl, Stumpergasse 53-55, 1060 Wien, Telefon: 01/596 99 77
Infos: www.stimmgewitter.org

 

Theater: “Sauschlachten” von Peter Turrini

11% K.Theater präsentiert «Sauschlachten»: 
Diesmal probiert sich die AUGUSTIN Theatertruppe an einem bereits bestehenden Stück. «Sauschlachten» von Peter Turrini spielt parodistisch mit den Erwartungen an das Volksstück und erregte bei seiner Uraufführung 1972 an den Münchner Kammerspielen die Gemüter sehr. Ein sich der Sprache verweigernder Bauernsohn gerät in seiner Familie zunehmend zwischen die Fronten – bis es schließlich zu einem Mord kommt.

Eintritt: freiwillige Spende

Termin: Sa, 21. März 2015, 19.30 Uhr
Ort: Werkl im Goethehof, Schüttaustraße 1/6/R02, 1220 Wien
fb-event

 

RICHTIGSTELLUNG zum Beitrag “Augustin senkt Auflage” in WIENER VIELFALT 03/2015, Seite 6 (Quelle: ORF):

Zitat «Das Konzept besteht heute auch noch, nur, dass man sich als FreiwilligeR meldet, um die Zeitschrift zu verkaufen.»

Falsch. Die Menschen, die den Augustin verkaufen, taten dies schon immer aus freien Stücken, aber aus einer Not heraus. Es handelt sich hier aber nicht um «Freiwilligenarbeit» im Sinne unbezahlter Arbeit. Die Verkäufer_innen bekommen die Hälfte des Verkaufspreises, im Moment also 1,25 Euro pro Zeitung.

Zitat: «Vor einem Jahr gab es einen VerkäuferInnenaufnahmestopp, da der Straßenzeitungsverkauf in Wien ausgeschöpft ist.»

Falsch. Den Aufnahmestopp gibt es, da viel zu viele Menschen Augustin verkaufen möchten und wir so viele Verkäufer_innen auf den Straßen Wiens für nicht sinnvoll halten, und auch administrativ wäre dies sehr schwierig. Das Vertriebsteam des Augustin betreut alle Verkäufer_innen auch sozialarbeiterisch. Somit sind der Aufnahme Grenzen gesetzt.

Zitat: «Die Auflage ist hingegen stark gesunken. Waren es vor 20 Jahren noch 60.000 Stück, die vertrieben wurden, so sind es derzeit nur 25.000 Zeitschriften.

Falsch. Wir haben weder vor 20 Jahren noch überhaupt irgendwann 60.000 Stück pro Ausgabe verkauft. Rein rechnerisch ist es auch nicht möglich, dass sechs Verkäufer_innen 60.000 Stück verkaufen. In Wahrheit haben wir zu Beginn 6.000 Stück verkauft und bei 30.000 Stück pro Ausgabe im Jahr 2000 auf eine 14-tägige Erscheinungsweise umgestellt. Das ergibt dann eine monatliche Auflage von 60.000 Stück. Ja, die Verkaufszahlen sind zurückgegangen, aber erst in den letzten fünf Jahren. Wenn man die 60.000 als Richtzahl pro Monat hernimmt, dann sind es jetzt rund 50.000 Stück. Ja, das ist ein Rückgang, aber nicht in dem Ausmaß, wie er in Ihrem Artikel beschrieben wird.

 

Foto: Facebook


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