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Alltag ohne Obdach

14. April 2016 / von / 0 Kommentare

Obdachlosigkeit ist manchmal versteckt, manchmal ist sie aber auch ganz offensichtlich. Wie das Leben obdachloser Menschen aussieht, wissen allerdings nur die Wenigsten. Eine neuartige Stadtführung durch Wien macht dies nun für alle erfahrbar.

Foto: Igor Ripak

Sie trinken, sehen verwahrlost aus und lungern den ganzen Tag auf öffentlichen Plätzen herum: Die Vorurteile, die in unserer Gesellschaft gegenüber obdachlosen Menschen vorherrschen sind vielfältig und durchziehen alle sozialen Schichten, angefangen von ArbeiterInnen bis hin zu GeschäftsführerInnen großer Unternehmen. Ein Beispiel dafür, wie wenig Stereotype oftmals mit der Realität zu tun haben, ist Enrique. Der gebürtige Spanier hat einen IT-Background, ist eloquent, normal gekleidet und entspricht so gar nicht den gängigen Klischees eines obdachlosen Menschen. Auch er selbst sagt über sich: „Ich bin kein typischer Obdachloser. Wir können über Philosophie, Literatur und Kino sprechen, das sind meine Hobbys.“ Dennoch: seit Oktober letzten Jahres hat Enrique keinen festen Wohnsitz mehr. Sein Leben spielt sich zwischen seiner Notschlafstelle und den Straßen Wiens ab.

Ein anderer Blick auf Wien
Von dieser Situation und von vielem mehr erzählt Enrique in seiner Funktion als Supertramp. Supertramps sind obdachlose und ehemals obdachlose Menschen, die Stadtführungen durch Wien anbieten. Dabei bewegen sie sich aber nicht auf den bekannten Touristenpfaden, sondern fernab der Hofburg, dem Burgtheater oder dem Schloss Schönbrunn. Die Supertramps zeigen den TourteilnehmerInnen eine für die Meisten unsichtbare Seite Wiens – jene Orte, die für wohnungslose Menschen wichtig sind und die eng mit ihrer eigenen Biografie verwoben sind. So verschieden die Supertramps sind, so unterschiedlich sind auch ihre Touren. Jeder Guide hat einen individuellen Zugang und legt den Fokus auf ganz bestimmte Plätze in Wien.

Eine Tour durch das eigene Leben
Enriques Rundgang startet beim Tageszentrum JOSI bei der U6 Station Josefstädter Straße. Er selbst ist hier nicht anzutreffen, erklärt aber, dass das Zentrum für viele andere Obdachlose einen wichtigen Rückzugsort darstellt– sei es für einige Stunden oder den ganzen Tag über. Diese erste Station legt ein zentrales Prinzip des gemeinnützigen Vereins „SUPERTRAMPS – Verein zur Unterstützung von obdachlosen und ausgegrenzten Menschen“ offen, der im Dezember 2015 von der Katharina
Turnauer Privatstiftung gegründet wurde und der hinter den Stadtführungen steht: Trotz der sozialen Rahmenbedingungen sollen und wollen die Touren bei den TeilnehmerInnen kein Mitleid produzieren. Vielmehr setzen sie auf Witz, Lebenserfahrung, Diskussionen, das Wissen rund um Obdachlosigkeit und vieles mehr. Auch Enrique betont, dass Obdachlose kein Mitleid brauchen: „Wir haben Rechte.“

Die Gründe, die zu Obdachlosigkeit führen, sind vielschichtig. Sie reichen von psychischen Problemen über Jobverlust und Suchtkrankheiten bis hin zu Haftentlassungen, Flucht und Gewalt. Enrique hatte vor der Obdachlosigkeit eine gut bezahlte Stelle, aus seiner Vergangenheit kennt er aber auch das genaue Gegenteil. „In meinem Leben habe ich schon drei Bankrotte gehabt. Ich kenne nur zwei Extreme des Lebens – Wohlstand und Armut.“

Die zweite Station der Tour führt zur Hauptbücherei, einem Ort, der einen wichtigen Platz in Enriques Tagesablauf einnimmt. Die Notschlafstelle, die obdachlosen Menschen ein Quartier für die Nacht bietet, verlässt der Spanier früh morgens – auch, weil es hier kein Frühstück gibt. „Ich gehe meistens zu McDonalds, da der Kaffee nur einen Euro kostet. Ich nehme das Frühstück und danach komme ich meistens hier her und rauche eine Zigarette“, erzählt er. Dieses Ritual, auf den Stufen der Hauptbücherei zu sitzen, zu rauchen und nicht nachzudenken, wiederholt er manchmal auch am Abend, bevor er in die Notschlafstelle zurückkehrt. Ein Euro für einen Kaffee mag vielleicht nicht viel klingen, nur: woher soll man als Obdachloser das Geld hierfür nehmen? Die Möglichkeiten, als wohnungsloser Mensch Geld zu verdienen, sind sehr begrenzt. Hinzu kommt, dass Obdachlose wie Enrique, die keine österreichischen Staatsbürger sind, keine finanzielle Unterstützung erhalten. Im Rahmen ihrer Tätigkeit können die Supertramps ein wenig dazu verdienen. In der Anfangszeit beträgt ihr Honorar für jede Tour 15 Euro, später sind es 20 Euro. Dazu kommen noch Trinkgelder. Der finanzielle Aspekt ist für die obdachlosen Menschen aber
nicht die primäre Motivation, wie Valerie Kattenfeld, Projektleiterin des Vereins, weiß: „Es geht vor allem darum, eine sinnvolle Alltagsbeschäftigung zu haben. Und um Kontakte. Viele befinden sich in
einer Isolation und kommen durch das Projekt SUPERTRAMPS einerseits untereinander in Kontakt und können andererseits durch die Touren auch Kontakte zu anderen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten knüpfen.“ Und sie ergänzt: „Unser wichtigstes Ziel ist das Empowerment unserer Guides, dass wir ihre sozialen Kompetenzen stärken und ihnen einen Möglichkeitsraum anbieten, wo sie ihre eigenen kreativen Potentiale auch entfalten können.“

Die letzte Station auf Enriques Tour ist der Westbahnhof. Hier zeigt er einige Tricks, die Obdachlose für ihr tägliches Leben nutzen. Öffentliche Aschenbecher fungieren als eine Ressource für Tabak und auch versteckte Steckdosen, die am gesamten Areal zu finden sind, werden für die TourteilnehmerInnen sichtbar gemacht. Dieses Sichtbarmachen ist ein zentraler Aspekt von Enriques Tour, denn das gesellschaftliche Problem Obdachlosigkeit soll in all seinen Facetten aufgezeigt und erlebbar gemacht werden.

 


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