DSC_2408

Abgefahren – ein Lokalaugenschein am neuen Hauptbahnhof

21. Oktober 2014 / von / 0 Kommentare

Und ewig mahnt das Flüchtige: in schlichtem Weiß gehalten, analog und ohne Ziffern prangt die große Uhr auf der Glasfassade des nördlichen Eingangs des am 10.Oktober offiziell eröffneten Hauptbahnhofs in Favoriten, treibt den Reisenden an oder gewährt ihm noch ein Durchatmen.

Ein ausladend breiter Vorplatz vor der zwar nicht unfreundlichen, doch sachlich-distanziert bleibenden Fassade, in der sich die gegenüberliegenden Häuser spiegeln. Groß, ohne erhaben, modern, ohne gewagt zu sein. Glanz sucht man hier vergebens. Es ist kein prahlerischer Bau, weder überheblich noch pompös, nüchtern und ohne Attitüden. Kein Tempel der Mobilität, strahlt er den unaufdringlichen Charme eines Zweckbaus aus.

Europa in Reichweite

Im Dezember 2009 dankte der Südbahnhof ab, unmittelbar anschließend begannen auf dessen Areal die Bauarbeiten für das von der ÖBB überschwenglich als „Jahrhundertprojekt“ gepriesene und über eine Milliarde Euro teure Vorhaben. Mit einer Ausdehnung auf einem Gelände von etwa 50 Hektar, bescheidet sich der Hauptbahnhof mit weniger als der Hälfte dessen, was der Südbahnhof (109 Hektar) einst einnahm. Doch öd und brach wird hier nichts liegengelassen: dem steten Wachstum Wiens ins Auge blickend und mit dem Anspruch, 5.000 Wohnungen, 20.000 Arbeitsplätze, Schulen und Kindertagesheime sowie einen Park zu schaffen, entstehen hier die neuen Stadtteile Sonnwendviertel und Quartier Belvedere. 2012 erfolgte die teilweise Inbetriebnahme des Hauptbahnhofs, der Nah- und Regionalverkehr aus Nord und Ost wurde aufgenommen.

Es ist überraschend ruhig, als wäre die Halle erst vor kurzem erwacht. Nur wenige Menschen sind unterwegs, bedächtigen Schrittes bewegen sie sich vorwärts.

Als Durchgangsbahnhof, der im Gegensatz zu einem Kopfbahnhof wie dem Westbahnhof Schienenverkehr aus zwei Richtungen zulässt, konzipiert, wird ab Mitte Dezember 2014 auch ein Teil des Fernverkehrs (Deutschland, Rumänien, Italien, Polen, Schweiz, Tschechien, Slowakei) bedient, ebenso soll der Flughafen Wien mehrmals täglich angefahren werden. Ende 2015 soll auf den zwölf ober- und unterirdisch gelegenen Gleisen schließlich der Vollbetrieb aufgenommen werden, ab dann sollen der gesamte Fernverkehr über den Hauptbahnhof geführt und 1.000 Züge mit 145.000 Passagieren täglich abgefertigt werden.

 

Nur die Ruhe, alles ist sicher

Eine Woche nach der Eröffnung zeugen vereinzelt noch bunte Luftballone an den Geschäften von der mit Prominenz aufgeladenen und von zahlreichen Schaulustigen gefluteten Veranstaltung. Ein spätes Aufbäumen des Altweibersommers gewährt einen sonnig-milden Vormittag. Halb neun, in der tageslichthellen Eingangshalle wechseln Naturstein- und Glasflächen einander ab, alles wirkt penibel sauber, wie gerade ausgepackt, Mitarbeiter des Reinigungspersonals (deren es hier reichlich gibt) polieren Stiegengeländer. Es ist überraschend ruhig, als wäre die Halle erst vor kurzem erwacht. Nur wenige Menschen sind unterwegs, bedächtigen Schrittes bewegen sie sich vorwärts. Eine Traube Schüler wird von ihrer Lehrerin in gepflegtem Steirisch zum Bahnsteig geführt. Links und rechts reihen sich die üblichen Schnellimbiss-Verdächtigen aneinander, noch herrscht nur gemächliche Geschäftigkeit, Speisen werden vorbereitet, Glastüren geputzt. Durch manche Glasfassade sieht man noch Baustellen, dahinter Arbeiter auf Leitern wie in Vitrinen.

Die Innengestaltung des Bahnhofs – offene Hallen, breite Stiegenanlagen, keine Nischen und enge Passagen – sollen das „subjektive Sicherheitsgefühl“ verstärken.

Erst im Laufe des Vormittags wird sich der Bahnhof etwas füllen, bis dahin wird die Ruhe nur gelegentlich und schubhaft von zu ihren Anschlusszügen eilenden Gruppen unterbrochen. Die Innengestaltung des Bahnhofs – offene Hallen, breite Stiegenanlagen, keine Nischen und enge Passagen – sollen das „subjektive Sicherheitsgefühl“ verstärken und Drogenabhängige und Obdachlose auf Distanz halten. Neben der auffällig hohen Dichte an Mitarbeitern des Cleaning-Teams sind auch reichlich Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma hier vertreten. „Probleme mit Dealern, wie es sie am Westbahnhof gibt, haben wir hier bislang keine. Es kommt aber gelegentlich vor, dass wir Obdachlose fortweisen müssen. Bisher passiert das noch eher selten, aber wenn jetzt der Winter kommt, wird das sicher zunehmen“, sagt einer von ihnen.

Shoppen und beten

Unter dem, von Glasflächen unterbrochenen, aus fünf Reihen geneigter Trapezflächen bestehendem Dach – dem „Rautendach“ – versammelt der neue Hauptbahnhof nicht weniger als 90 Geschäfte aller möglichen Branchen: Lebensmittel, Gastronomie, Bekleidung und Dienstleistungen. Stolz bewirbt die ÖBB ihn deshalb auch als „Haupt Shopping Hof.“ Sichtlich enthusiasmiert davon zeigt sich eine, mit mehreren Einkaufstaschen bepackte Mittzwanzigerin aus Favoriten, die angesichts des geballten Angebots hier nahezu ins Schwärmen gerät und in quasi-religiöser Diktion den Hauptbahnhof zum „Shoppingparadies“ erklärt. Eher nüchtern und die eigentliche Funktionalität des Bahnhofs betonend, äußert sich eine Sekretärin, Anfang fünfzig, die täglich von Mödling nach Wien pendelt: „Es gibt hier wirklich gute Anbindungen an die Öffis, das ist sehr praktisch für mich.“

Etwas versteckt, auf der untersten Ebene, findet sich zudem ein „Raum der Stille“, der sich als „Kontrapunkt zum Trubel“ der Reisenden etablieren will.

Sogar zu ein bisschen Kunst hat man sich hinreißen lassen, auf manchen Glasflächen finden sich Digitaldrucke – „Filmsequenzen oder Traumbildern vergleichbar“, so eine Hinweistafel –  des österreichischen Künstlers Franz Graf. In einer vierteiligen Installation namens „Sued“ werden hier Gesichter, geometrische Figuren und Textfragmente gezeigt, die „Passantinnen und Passanten auf eine kontemplative andersartige Reise“ schicken will.

Etwas versteckt, auf der untersten Ebene, findet sich zudem ein „Raum der Stille“ – ein von der Erdiözese Wien angemieteter Raum, der sich laut einer Broschüre als „Kontrapunkt zum Trubel“ der Reisenden etablieren will, wozu sogar eigens eine Pastoralassistentin dort arbeitet, die sich seelsorgerischen Tätigkeiten widmet. In weiß und beige gehalten, steht darin eine begehbare, ellipsenhafte Konstruktion, einige Stühle, ein Pult mit aufgeschlagener Bibel. Gleich nebenan gelegen, in der Ausstattung ähnlich reduziert und entschlackt, ein Mietautoservice: Mitarbeiter in orangen Uniformen, vor orange leuchtendem Hintergrund, erinnert auch dieser irgendwie an einen Andachtsraum.

 

Fotos: Igor Ripak  


Kommentieren


6 − = 2